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Boom in der Fahrradbranche : Der Ansturm hört nicht auf

Selbst im Schnee finden sich im Corona-Winter noch Fahrradfahrer in Deutschland, so wie hier in Hannover. Bild: dpa

Schon im vergangenen Jahr wollten so viele Menschen Fahrradfahren, dass die Hersteller nicht hinterher kamen. Die Engpässe werden auch 2021 bleiben. Branchenvertreter haben einen Tipp für den Kauf.

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          Radler werden auch dieses Jahr oft ihre Wünsche zurückstellen müssen, wenn sie ein neues Fahrrad kaufen. Die von der Corona-Krise beflügelte Branche rechnet mit anhaltenden Engpässen. „Es wird eine gewisse Knappheit geben“, sagte Albert Herresthal, Mitglied der Geschäftsführung im Händlerverband VSF, am Mittwoch nach einer Online-Präsentation zur volkswirtschaftlichen Bedeutung der Branche. Auf die hohe Nachfrage im Fahrrad-Boom könne sich die Industrie gar nicht so schnell einstellen; zudem seien ja die Lieferketten coronabedingt unterbrochen gewesen.

          Klaus Max Smolka
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Schon 2020 habe die Branche Probleme mit der Verfügbarkeit der Waren gehabt, im Handel ebenso wie in der Industrie, sagte David Eisenberger, Leiter Marketing im Herstellerverband ZIV. „Die Läger waren leer.“ Nach der Wiederauffüllung seien viele Modelle für das laufende Jahr auch schon wieder verkauft. „Wir bemerken auch für 2021 eine hohe Nachfrage – wir rechnen damit, dass die Warenverfügbarkeit auch 2021 knapp sein wird, gerade in den Sommermonaten.“ Die Lieferanten könnten die Produktion nicht so schnell hochfahren, wie die Nachfrage steige. „Die Zulieferer sind gar nicht in der Lage, so schnell zu skalieren.“

          Herresthal zeigte sich zuversichtlich, jedem Kunden etwas zu bieten – auch wenn es nicht genau das gewünschte Modell oder die gewünschte Farbe sei. Eisenbergers zusätzlicher Rat: „Auch flexibel sein im Einkaufsort.“ Auf dem Land etwa sei die Verfügbarkeit im vergangenen Jahr oft höher gewesen. „Es muss nicht immer der Fahrradhändler um die Ecke sein.“

          Schon vor Corona gab es Rekorde

          Im Zuge des zweiten Lockdowns mussten Händler im übrigen schon wieder schließen, was zu wachsendem Unmut führt. Die Lobby fordert die Politik auf, sie wegen der verkehrspolitischen Bedeutung wieder öffnen zu lassen. Werkstätten können Kunden weiter bedienen. Auch hier gilt, dass Engpässe deutlich bemerkbar sind. Radfahrer müssen seit Monaten Räder stehen lassen, weil Ersatzteile nicht verfügbar sind – zum Beispiel spezielle Lenkerteile für Falträder.

          Die Fahrradindustrie erfreute sich schon vor Corona steigender Nachfrage. Für das Jahr 2019 meldete der ZIV Rekordumsätze. Die Corona-Pandemie hatte im vergangenen Jahr gegenläufige Effekte: International produzierten Hersteller von Fahrrädern, Teilen und Zubehör eingeschränkt, die Lieferketten brachen. Fahrradläden in vielen Ländern mussten schon während des ersten Corona-Lockdowns schließen, die Fahrradverkäufe litten – auch wenn Onlineanbieter hohe Absätze meldeten.

          Es folgte aber in Deutschland und anderswo eine Sonderkonjunktur: Läden meldeten einen wohl so nie gekannten Ansturm von Kunden – und Lieferengpässe. Die Nachfrage speiste sich daraus, dass Arbeitnehmer zur Arbeit radeln wollten, statt sich im öffentlichen Nahverkehr auf engem Raum den Mitmenschen auszusetzen. In der Freizeit entdeckten viele das Rad für ihre Fitness neu, im Urlaub blieben sie in der Region und erkundeten die dann mit dem Fahrrad.

          Außerdem verkaufen sich seit Jahren elektrisch gestützte Fahrräder gut. Im ersten Halbjahr stieg der hiesige Absatz an allen Fahrrädern – rein mechanisch und elektrisch gestützt – nach ZIV-Angaben um 9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 3,2 Millionen Fahrzeuge.

          Im zweiten Halbjahr hat sich das beschleunigt. Die Gesamtjahreszahlen hat der Verband zwar noch nicht veröffentlicht. Aber Eisenberger gab nach der Präsentation einen deutlichen Hinweis, auch schon für das laufende Jahr: Trotz der Corona-Probleme „können wir jetzt schon davon ausgehen, dass wir ein 20-prozentiges Plus haben im Absatz, also nach Stück. Und das rechnen wir auch für 2021.“ Später sprach er sogar von einem mindestens 20-prozentigen Plus in diesem, Jahr – trotz immer noch geschlossener Geschäfte.

          Kunden merken die Folgen im Portemonnaie: Räder des neuen Jahrgangs haben sich deutlich verteuert. Hohe Nachfrage und knappes Angebot ergeben höhere Preise, konzedierte Eisenberger, wobei er auch höhere Kosten in der Logistik geltend machte.

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