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Wegen Chip-Krise : Autoabsatz in Europa bricht ein

Die Automobilbranche leidet unter den Lieferengpässen. Bild: dpa

Die Lieferprobleme bei Computerchips und anderen Teilen bremsen die Produktion. Im September sind 23 Prozent weniger Autos ausgeliefert worden. Und am Horizont braut sich noch mehr zusammen.

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          Wörter wie Halbleiter-Engpass oder Chip-Mangel gehören seit dem vergangenen Winter zum täglichen Sprachgebrauch in der Industrie. Vor allem von Autofabriken wurde bekannt, dass immer wieder die Produktion stoppt. Viele Werke auch in Deutschland standen für Tage oder Wochen still. Von punktuellen Problemen kann aber längst nicht mehr die Rede sein, die Autohersteller erleben im Augenblick eine herbe Absatzkrise, die keineswegs mit mangelnder Nachfrage zusammenhängt, sondern eben mit dem Chip-Mangel: Weil die kleinen Teilchen fehlen, können die Autos nicht ausgeliefert werden.

          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          In Europa wurden im September nur noch knapp 719.000 neue Autos zugelassen, das sind 23 Prozent weniger als vor einem Jahr, wie der europäische Herstellerverband ACEA mitteilte. In Deutschland war der Rückgang mit 26 Prozent sogar noch stärker, in Italien liegt das Minus bei 33 Prozent. „Das ist nicht nur ein Problem für die Autohersteller, auch Zulieferer und der Autohandel leiden zunehmend“, gibt Peter Fuß, Partner bei der Beratungsgesellschaft EY, zu bedenken. Nicht nur die Chips fehlten, auch andere Vorprodukte seien knapp. „Materialengpässe und Lieferketten werden die Branche noch bis weit ins Jahr 2022 beschäftigen. Erst zur Jahresmitte rechnen wir mit einer spürbaren Entspannung der Situa­tion“, so Fuß: „Der Branche stehen sehr schwierige Monate bevor.“

          Konzentration auf besonders rentable Modelle

          Viele Hersteller reagieren auf die Lieferketten-Probleme mit der Konzentration auf sehr rentable oder strategisch besonders wichtige Modelle wie Elektroautos. Doch selbst der Boom in diesem Segment, der sich im ersten Halbjahr noch mit einem Plus von 147 Prozent beim Absatz in den fünf größten Märkten Westeuropas zeigte, schwächt sich ab, wie EY vermerkt: Im August lag das Plus noch bei 67 Prozent, im September noch bei 60 Prozent. Auf Jahressicht hat sich der Marktanteil von Autos mit Elektroantrieb (einschließlich Plug-in-Hybrid) von 10,6 auf 21,5 Prozent verdoppelt. Der Anteil der Autos mit Diesel-Antrieb ist unterdessen von 25,6 auf 15,2 Prozent geschrumpft.

          Als Marktführer in der Elektromobilität sieht sich Volkswagen in Europa mit einem Anteil von 26 Prozent. 122.000 reine Elektroautos seien im dritten Quartal ausgeliefert worden, davon 29.000 nach China. Somit sei eine neue Bestmarke erreicht worden, teilte VW am Freitag mit. Seit Jahresanfang habe man 293.000 Elektroautos ausgeliefert, doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum.

          Bei der zum Volkswagen-Konzern gehörenden Marke Porsche wurde im dritten Quartal das Elektroflaggschiff Taycan erstmals häufiger verkauft als der Sportwagen-Klassiker 911. Insgesamt hat Porsche im dritten Quartal knapp 64.000 Autos ausgeliefert, im zweiten Quartal waren es noch fast 82.000 Autos. Das Verkaufsplus von 31 Prozent, das nach dem ersten Halbjahr vermeldet wurde, schrumpfte mittlerweile auf 13 Prozent, in Europa sogar auf 2 Prozent. In Stuttgart demonstriert man aber Zuversicht: „Die Auftragsbücher sind gut gefüllt und lassen uns voller Optimismus und Tatendrang in den Jahresendspurt starten“, wird Vertriebsvorstand Detlev von Platen in einer Mitteilung von Porsche zitiert. Die Lage sei aber wegen Corona und des Chip-Mangels „herausfordernd“.

          Der nächste Engpass zeichnet sich unterdessen bei Magnesium ab, das unter anderem für die Aluminiumherstellung benötigt wird und damit große Bedeutung für die Autobranche und den Flugzeugbau hat. „Es wird erwartet, dass die Magnesiumvorräte in Europa spätestens Ende November erschöpft sein werden“, warnt die Wirtschaftsvereinigung Metalle. Der Verband appelliert an die Bundesregierung, „dringend diplomatische Gespräche mit China einzuleiten“, um die Versorgung der deutschen Industrie sicherzustellen. Mindestens 31 Magnesiumwerke in den wichtigsten Produktionszentren der Welt seien entweder stillgelegt oder deutlich gedrosselt worden. 95 Prozent des europäischen Ma­gnesiumbedarfs werden laut Verband durch Lieferungen aus China gedeckt.

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