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Berliner Flughafen : Gerade in Betrieb und wieder in Nöten

Terminal 1-Halle im neuen BER Bild: EPA

Berlins Flughafen macht nun zwar auf – das Drama aber setzt sich fort. Dabei geht es nicht nur um Corona, sondern auch um überzogene Ziele und viel Geld.

          2 Min.

          Zur Einweihung des neuen Berliner Hauptstadtflughafens reist Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) an diesem Samstag mit gut gefüllter Brieftasche an. In den virtuellen Beratungen der EU-Verkehrsminister hatte der Minister schon am Donnerstag angesichts der neuen Corona-Beschränkungen im November zusätzliche Unterstützung für Verkehrsunternehmen zugesagt – auch für die Flughäfen. Ende kommender Woche hat er zu einem „Luftverkehrsgipfel“ eingeladen.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Was der BER braucht, um nicht pleite zu gehen, hat die Geschäftsführung den Gesellschaftern Berlin, Brandenburg und Bund schon mitgeteilt: mindestens 260 Millionen Euro Zuschuss in diesem Jahr. Angesichts des nun verordneten „Lockdowns light“ im November könnte der Bedarf auch noch etwas höher ausfallen.

          2021 könnte sich der Zuschuss sogar auf 550 Millionen Euro summieren. Die EU-Kommission hat die Beihilfenprüfung schon aufgenommen. Der Berliner Regierende Bürgermeister Michael Müller gab sich am Freitag zuversichtlich für die Zeit nach Corona. „Wenn wir die Krise überwunden haben, wird man mit dem neuen Flughafen Geld verdienen, genauso wie mit dem alten“, sagte er.

          Ein auf 40 Prozent geschrumpftes Programm

          Engelbert Lütke Daldrup, Vorsitzender der Geschäftsführung der Flughafen-Gesellschaft FBB, hatte sich den Neubeginn am BER mit mehr Fluggästen, Flügen und Ertragskraft gewünscht.

          Die Halle des von Gerkan, Marg und Partner entworfenen neuen Flughafens erinnert an die Neue Berliner Nationalgalerie.
          Die Halle des von Gerkan, Marg und Partner entworfenen neuen Flughafens erinnert an die Neue Berliner Nationalgalerie. : Bild: Marcus Bredt/gmp

          Doch die Corona-Pandemie sorgt nach der leichten Erholung im Sommer dafür, dass die Passagierzahlen jetzt wieder auf rund 10.000 täglich gefallen sind, ein Zehntel des üblichen Aufkommens. Im November dürften die Zahlen weiter sinken. Lufthansa und Easyjet bleiben daher weit hinter ihren Plänen zurück.

          Selbst eine gefragte Strecke wie Berlin-Frankfurt bietet die Lufthansa derzeit nur halb so oft an wie früher. Easyjet, die am Wochenende als erste von Tegel zum BER umzieht, hat die Flotte in Berlin halbiert und hier nur noch 18 statt 34 Flugzeuge stationiert. Die Lufthansa hat keine Maschinen in Berlin, die Tochtergesellschaft Eurowings drei.

          Zur Betriebsaufnahme am BER plant Easyjet mit rund 180 Flügen in der Woche. Im vergangenen Jahr waren es von den Flughäfen Tegel und Schönefeld aus 250 am Tag. Die Lufthansa will zunächst 30 Flüge täglich anbieten, halb so viele wie vor der Krise. Eurowings plant 70 Flüge in der Woche, auch wegen der aktuellen Reisebeschränkungen überwiegend Verbindungen innerhalb Deutschlands. Ryanair bietet im Winter nur ein auf 40 Prozent geschrumpftes Programm mit Flügen zu 27 Zielen im Ausland.

           „Von Berlin aus sind derzeit 115 Fernziele zu erreichen“

          Alle anderen Gesellschaften, die mit zum BER umziehen, halten es ähnlich. Als völlig aus der Zeit gefallen erweist sich derzeit die stetige Hoffnung der Berliner Flughafen-Manager, man werde dem Publikum der Region bald weitere Nonstop-Interkontinentalflüge anbieten können. Verkehrsminister Scheuer versicherte kürzlich, er werde sich im Ausland dafür einsetzen. „Ich bin mit Airlines in Kontakt“, sagte er, schränkte aber ein: „Dazu gibt es noch kein Licht am Ende des Tunnels, weil die Airlines momentan eher reduzieren. Aber Berlin ist unsere Hauptstadt, Berlin muss ein Drehkreuz sein.“

          Von beredter Offenheit zeugt die Antwort des Eurowings-Vorstandschef Jens Bischof auf die Frage nach Langstreckenflügen vom BER. „Von Berlin aus sind derzeit 115 Fernziele zu erreichen“, sagte er dieser Tage vor Journalisten. „Mit nur einem Umstieg in Frankfurt, München oder Zürich.“ Zurzeit dürfe niemand damit rechnen, dass sich an der Planung für Berlin etwas ändere.

          Der BER von innen
          Der BER von innen : Bild: EPA

          Mit der Eröffnung des BER gilt zum ersten Mal in der Hauptstadtregion ein generelles Nachtflugverbot. Er reicht von Mitternacht bis 5 Uhr früh. In Schönefeld konnten die Maschinen bisher durchgehend landen, auf dem Flughafen Tegel galt ein Start- und Landeverbot zwischen 23 und 6 Uhr. Der Flughafen Tegel schließt nach dem Umzug der Fluggesellschaften in drei Etappen am 8. November, zuletzt wird eine Air France-Maschine dort die Stadt verlassen.

          Der alte DDR-Flughafen Schönefeld bleibt in den kommenden Jahren geöffnet. Er heißt seit der vergangenen Woche im Flughafenjargon statt SXF nun BER-Terminal 5. Das zusätzliche Terminal 2 am BER ist zwar auch noch rechtzeitig fertig geworden. Weil zurzeit so wenige Passagiere kommen, soll es aber erst im nächsten Frühjahr eröffnet werden.

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          Flughafen BER : Das Wunder von Berlin Bild: Andreas Pein

          Fast 30 Jahre bis zum ersten Start

          Der Bau des Hauptstadtflughafens war geprägt durch Pannen, Pech und Personalwechsel.

          Januar 1992: Beginn der Planungen einschließlich eines massiven Streits über den künftigen Standort.

          Juni 1996: Konsensbeschluss von Bund, Berlin und Brandenburg über den Standort Schönefeld

          September 2006: Erster Spatenstich. Als Eröffnungstermin wird der 30. Oktober 2011 bestimmt.

          Juni 2010: Wegen Bauverzögerungen wird die Eröffnung auf den 3. Juni 2012 verschoben.

          Mai 2012: Knapp vier Wochen vor dem Termin wird die Inbetriebnahme wegen der nicht funktionierenden Brandschutzanlage abgesagt. Geschäftsführer Rainer Schwarz und Technik-Chef Manfred Körtgen müssen gehen. Als neuer Termin wird der 17. März 2013 festgelegt.

          September 2012: Eine Analyse von Technik-Chef Horst Amann zeigt viele Mängel über den Brandschutz hinaus. Eröffnet soll nun am 27. Oktober 2013.

          Januar 2013: Nach Vorlage einer verlängerten Mängelliste wird die Eröffnung auf unbestimmte Zeit verschoben.

          Dezember 2014: Geschäftsführer Hartmut Mehdorn nennt als Ziel eine Eröffnung im zweiten Halbjahr 2017, Baufertigstellung bis März 2016.

          März 2015: Mehdorn verlässt das Unternehmen nach Differenzen mit dem Aufsichtsrat,

          August 2015: Der neue Geschäftsführer Karsten Mühlenfeld sagt, der BER werde nicht bis März 2016 fertig.

          Januar 2017: Wegen neuer Probleme, etwa mit Sprinkleranlage und Türsteuerung, Verschiebung der Eröffnung auf 2018.

          März 2017: Mühlenfeld geht, Engelbert Lütke Daldrup wird neuer Geschäftsführer

          Dezember 2017: Eröffnungstermin wird auf Oktober 2020 festgelegt. Tegel soll dann schließen, das alte Schönefelder Terminal vorübergehend weiter genutzt werden.

          November 2019: Der BER soll am 31. Oktober 2020 in Betrieb gehen, Tegel am 8. November schließen.

          31. Oktober 2020: Der BER wird eröffnet, der offizielle Flugbetrieb beginnt am 1. November 2020. (enn.)

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