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Vor dem Dieselgipfel : Nur kein Kuschelkurs

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Zwei wichtige Akteure beim Thema Diesel: Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (Grüne) und Daimler-Chef Dieter Zetsche Bild: dpa

Vor dem Dieselgipfel stehen Politik und Autoindustrie mächtig unter Druck: Einerseits sollen Dieselautos so sauber werden, dass es keine Fahrverbote geben muss. Andererseits soll den Herstellern nicht zu viel abverlangt werden. Wie sieht ein solcher Mittelweg aus?

          Vor Beginn des Dieselgipfels am Mittwoch setzen Länder und Kommunen auf Zugeständnisse der Autokonzerne. „Der politische Druck ist so enorm, dass die deutsche Autoindustrie mehr zu verlieren hat als ein paar Diesel-Autos“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, der Deutschen Presse-Agentur. Es gehe letztlich um den Wirtschaftsstandort Deutschland. „Deswegen wird die Industrie weiter gehen, als sie bislang gesagt hat.“ Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin und Bundesratspräsidentin Malu Dreyer (SPD) sagte, man werde die Auto-Industrie „in die Pflicht nehmen“. Sie erwartet ein Sofortprogramm der Hersteller.

          Bei dem Spitzentreffen von Bund, Ländern und Autobranche geht es um Nachbesserungen bei der Abgasreinigung von Millionen Diesel-Autos in Deutschland und die Förderung eines abgasarmen Verkehrs in den Städten. Die Verpflichtung der Hersteller zu Updates an der Motorsoftware gilt als sicher.

          Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt sagte der Zeitung „Passauer Neuen Presse“ vor dem Treffen, Ziel sei es, Ökologie und Mobilität näher zusammen zu bringen und eine Perspektive für die Mobilität der Zukunft zu geben. „Dazu muss die Industrie die Umrüstung von Euro-5- und Euro-6-Fahrzeugen umsetzen.“ Zudem erwarte er ein „akzeptables Angebot der Automobilindustrie“ zur Senkung der Schadstoffbelastung in deutschen Städten. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten „auch die älteren Fahrzeuge einen Beitrag leisten“, erklärte der Minister. „Völlig klar ist: Die Kosten von Umrüstungen muss die Industrie tragen. Den Kunden dürfen keine Extrakosten entstehen.“ Ob Software-Updates ausreichten oder auch Umbauten nötig seien, ließ er dem Bericht zufolge offen. „Fest steht: Euro-5- und Euro-6-Dieselmotoren können mit neuer Steuerungssoftware deutlich verbessert werden„, sagte Dobrindt.

          Streit gab es bis zuletzt um die Frage, ob zusätzlich auch Bauteile am Motor selbst nachgerüstet werden müssen, um den Stickoxid-Ausstoß der Fahrzeuge zu senken und drohende Fahrverbote in Städten zu verhindern. Die Autobranche hat bisher nur günstigere und einfachere Updates der Computersteuerung angeboten.

          Staatliche Anreize in der Diskussion

          Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagte der Zeitung „Tagesspiegel“ (Mittwoch): „Wir brauchen schnelle Software-Nachrüstungen und dann eine richtige Umrüstung der Hardware der Fahrzeuge, denn nur so lassen sich Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in besonders belasteten Städten vermeiden.“

          Bei diesen Software-Updates geht es um neuere Diesel, die den EU-Abgasnormen Euro 5 und Euro 6 entsprechen. Unter anderem die Ministerpräsidenten der Auto-Länder Bayern und Niedersachsen, Horst Seehofer (CSU) und Stephan Weil (SPD), hatten staatliche Anreize wie Steuernachlässe oder Prämien ins Gespräch gebracht, damit Besitzer älterer Autos auf neue, sauberere Modelle umsteigen.

          Vor dem Gipfel relativierte Weil das teilweise: Er wolle „den Konzernen nichts schenken“, sagte er der „Bild“-Zeitung. Um alte Diesel von der Straße zu bekommen, brauche es Anreize, „vor allem von der Industrie“. Seehofer mahnte abermals eine Lösung für die mehr als fünf Millionen älteren Diesel-Pkw in Deutschland an, bei denen Software-Updates nicht möglich seien. „Ich will, dass modernere Autos die älteren Autos ablösen“, sagte er.

          SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz betonte, dass Autobesitzer weder für die Umrüstungen noch für die Entsorgung alter Autos zahlen sollten. Für beides müssten die Hersteller aufkommen. „Wer einen Diesel gekauft hat, darf nicht der Dumme sein“, sagte der SPD-Chef dem Magazin „Spiegel“. Die baden-württembergische Landesregierung dringt auf eine „verbindliche Erklärung der Autohersteller“, sagte ein Sprecher von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Auch Kretschmann nimmt an dem Treffen teil.

          Vertrauen in Autoindustrie schwindet

          Einer YouGov-Umfrage zufolge hat die Abgasaffäre das Vertrauen in die Autoindustrie bei 41 Prozent der Deutschen ins Wanken gebracht – unabhängig davon, ob sie Diesel-Fahrer sind. Jeder fünfte Diesel-Besitzer hat demnach darüber nachgedacht, sein Auto zu verkaufen – und zwei von fünf Diesel-Fahrern würden künftig keinen Diesel mehr kaufen. Derzeit ist rund jedes dritte in Deutschland gemeldete Auto ein Diesel.

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          Nach dpa-Informationen will der Gipfel einen Fonds für weniger Schadstoffe im Stadtverkehr beschließen. Die Rede war von 500 Millionen Euro, an denen sich auch die Autobranche beteiligen sollte. Zusätzlich will die Politik Förderprogramme auf den Weg bringen und ausbauen, unter anderem für den Rad- und Schienenverkehr. Die Kommunen fordern unter anderem Hilfen für die Nachbesserung bei Bussen.

          Zum Gipfel eingeladen sind die Chefs von Volkswagen, Porsche, Audi, Daimler, BMW sowie von Opel und Ford in Deutschland. Erwartet werden zudem die Ministerpräsidenten der „Autoländer“ Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland sowie die Stadtstaaten Hamburg und Berlin. Diese sind stark von hohem Ausstoß an Stickoxid (NOx) betroffen.

          Gastgeber des Treffens sind Dobrindt und Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Die Grünen kritisierten die Pläne als zu lasch. „Verbindliche Verpflichtungen der Autoindustrie zur Umrüstung finden sich genauso wenig wie wirksame Kontrollen“, sagte Bundestags-Fraktionsvize Oliver Krischer der dpa. „So wird kein Fahrverbot verhindert und kein ernsthafter Schritt in die elektromobile Zukunft gemacht.“

          Jedes dritte Auto in Deutschland ist ein Diesel

          Jedes dritte in Deutschland zugelassene Auto ist ein Diesel. Zum 1. Januar 2017 waren in Deutschland nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamts 45,8 Millionen Autos angemeldet, davon 15,1 Millionen Diesel. Je nachdem, wie viele Schadstoffe sie ausstoßen, entsprechen die Wagen einer bestimmten Abgasnorm.

          Je höher der Wert der Abgasnorm ist, desto strenger sind die Vorgaben. Zwei von fünf Diesel-Pkw in Deutschland entsprechen zum Beispiel der Abgasnorm Euro 5, das ist die größte Diesel-Gruppe (39 Prozent). Der neuesten und damit strengsten Abgasnorm Euro 6 entsprechen 18 Prozent, also fast jeder fünfte Diesel.

          Euro-4-Diesel machen knapp ein Viertel (23 Prozent) des Bestands aus, Euro-3-Fahrzeuge 13 Prozent. Eins von 20 Diesel-Autos (5 Prozent) entspricht der Euro-2-Norm. Euro-1-Diesel und solche ohne Abgasnorm gibt es in Deutschland demnach nur gut 200.000, das entspricht einem Prozent der Diesel-Flotte. Fahren dürfen grundsätzlich alle - aber viele Städte sperren alte Dieselautos mit Umweltzonen aus. (dpa)

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