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Autobahnbrücken : Lange Bauzeiten als deutsches Qualitätsmerkmal?

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Muss ein Neubau der Talbrücke Rahmede bei Lüdenscheid wirklich fünf Jahre dauern? Bild: dpa

Der Neubau der Talbrücke auf der A 45 wird wohl fünf Jahre dauern. Die zuständige Autobahn GmbH scheint das aber nicht zu stören.

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          Aus jeder noch so desaströsen Planung lassen sich auch positive Nachrichten ziehen: Für die beschädigte Talbrücke der A 45 bei Lüdenscheid sind bereits Planungen der Autobahn GmbH für einen Ersatzbau angelaufen. Das teilte NRW-Verkehrsministerin Ina Brandes (CDU) in einem Bericht für die Sitzung des Verkehrsausschusses im Landtag am Mittwoch mit, und das Bundesverkehrsministerium bestätigte dies. „Die Autobahn GmbH prüft diesbezüglich Fragen des Baurechts, der Umweltverträglichkeit und des Planfeststellungsverfahrens intensiv mit den zuständigen Bundesbehörden und Behörden in Nordrhein-Westfalen.“

          Vom ursprünglichen Plan, die Autobahnbrücke zumindest für Autos wieder freizugeben, hatte sich die Autobahn GmbH Ende der vergangenen Woche verabschieden müssen. Dabei teilte die Behörde mit, die Talbrücke Rahmede komplett abreißen und neu bauen zu müssen.

          Neben den schon bekannten Schäden wurden nach der Sperrung weitere Risse an Längsträgern und erhebliche Korrosionsschäden gefunden. Einsturzgefährdet sei die Brücke aber nicht – sofern keine weiteren Fahrzeuge darüberfahren. Am ursprünglichen Zeitplan von fünf Jahren hält die Autobahn GmbH weiterhin fest. Schon das Planungswirrwarr sorgt bei Bürgern für Empörung.

          Bauen die Italiener schlechter?

          Noch irritierender waren jedoch Äußerungen eines Vertreters der Autobahn GmbH, der eine lange Planungs- und Bauzeit offensichtlich allein als Qualitätsmerkmal ausreichen lässt. Die „Siegener Zeitung“ zitierte den Planungsleiter Dieter Rappenhorst mit einer erstaunlich offensiven Kritik an dem wesentlich schnelleren Wiederaufbau der Autobahnbrücke in der Nähe von Genua, die 2018 auf spektakuläre Weise zusammengestürzt war. „Vielleicht sind solche schnelle Verfahren der Grund dafür, weshalb es überhaupt zu einem solchen Unglück kommen konnte.“

          Eine lange Bauzeit und großen Unmut in der betroffenen Region ist Deutschland indes schon vielfach gewohnt. Man denke nur an die Sanierung und spätere Sprengung der Salzbachtalbrücke an der A 66 in der Nähe von Wiesbaden. Vor drei Jahren begannen die Sanierungsarbeiten, die stümperhaft ausgeführt wurden und nach weiteren Schäden zur Sperrung der Brücke führten. Das wiederum führte zu einem Verkehrschaos rund um Wiesbaden, das sich heute, rund drei Monate nach der Sprengung, zu längeren Wartezeiten auf den Ausweichrouten abgemildert hat. Die volkswirtschaftlichen Schäden sind immens – und der Neubau soll frühestens nächstes Jahr fertig gestellt werden.

          Mehr marode Brücken in Deutschland als befürchtet

          In diesem Zusammenhang erregt eine Meldung des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ Aufmerksamkeit. Ihr zufolge ist der Zustand der deutschen Autobahnbrücken noch schlechter als bislang befürchtet. Der „Spiegel“ beruft sich dabei auf das Ergebnis einer internen Untersuchung der bundeseigenen Autobahngesellschaft an den bundesweit 28.000 Brücken, die dem Magazin vorliege.

          „Sollten die notwendigen Erhaltungsmaßnahmen an den tausenden Bauwerken nicht im erforderlichen Umfang und zeitnah umgesetzt werden, wird es in den kommenden Jahren zu erheblichen Verkehrseinschränkungen bis hin zu Sperrungen von Brückenbauwerken kommen“, heißt es in dem Schreiben aus dem Januar. Es sei „absehbar“, dass viele vor 1985 gebaute Brücken mittelfristig erneuert, also neu gebaut werden müssten. „Nach ersten Berechnungen ist von mindestens einer Verdopplung von derzeit etwa 200 auf etwa 400 Autobahnbrücken pro Jahr auszugehen“, prognostiziert die Autobahngesellschaft.

          Man wolle „für bestehende Bauwerke prüfen, ob die erforderlichen hohen Investitionen zur Anhebung der Tragfähigkeit und Dauerhaftigkeit für eine begrenzte Restnutzungsdauer noch wirtschaftlich vertretbar sind oder ob ein Ersatzneubau die bessere Lösung ist“, schreiben die Autobahnbauer.

          Kurzfristig sei „eine Umpriorisierung von Bedarfsplanprojekten zu den kritischen Bestandsbrücken notwendig“, heißt es weiter. Von der Bundesregierung und Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) fordern sie mehr Geld sowie ein eigenes Maßnahmengesetz nach dänischem Vorbild, mit der die Planungszeit verkürzt werden soll.

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