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Anklage gegen Winterkorn : Die Justiz leistet gründliche Arbeit

  • -Aktualisiert am

Der damalige Chef des VW-Konzerns Martin Winterkorn mit dem heutigen VW-Chef und damaligen Leiter der VW-Pkw-Sparte Herbert Diess Bild: Reuters

Während VW-Chef Diess den Thunberg der Autobranche gibt, wird gegen Martin Winterkorn Anklage erhoben. Das zeigt: Die Justiz macht ihren Job – und Volkswagen klärt nicht mit dem nötigen Ehrgeiz auf.

          Schlechter hätte es für VW kaum kommen können. Während sich Volkswagen-Chef Herbert Diess in China anschickte, sein Unternehmen auf der Autoschau in Schanghai mit der Wende zur Elektromobilität als Musterschüler in Sachen Klimaschutz zu preisen, hat die Staatsanwaltschaft in Braunschweig Anklage gegen den früheren VW-Chef Martin Winterkorn erhoben. Die Ermittler hegen den hinreichenden Tatverdacht, dass er und andere Angeklagte von den Betrügereien bei den Abgasmessungen von Dieselautos wussten. Die „saubersten Diesel“ ihrer Klasse versprach VW seinen Kunden damals. Bei Winterkorn gehen die Braunschweiger Ermittler sogar von einem besonders schweren Fall des Betrugs aus.

          Die Vergangenheit holt Volkswagen in dem Moment ein, in dem die Unternehmensführung alles tut, sie zu beschweigen und hinter sich zu lassen. Es rächt sich, dass VW allen vollmundigen Erklärungen zum Trotz die 2015 versprochene rückhaltlose Aufklärung bis heute schuldig geblieben ist.

          Das übernimmt zum Glück die Justiz – in den Vereinigten Staaten und in Deutschland. Sie tut das, wie man jetzt in Braunschweig sieht, sehr gründlich. 300 Aktenordner mit ungefähr 75.000 Seiten haben die Ermittler zusammengetragen. Natürlich gilt für Winterkorn wie für die anderen Beschuldigten bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung.

          Der Thunberg der Autobranche

          Der frühere VW-Chef war ein Ingenieur der alten Schule. Wie weit er die Tragweite der Software-Manipulationen erkannte, weiß wohl nur er. Doch die Staatsanwälte sind offenbar überzeugt, dass Winterkorn spätestens im Mai 2014 Kenntnis von den Betrügereien hatte – und dann die Verwendung der illegalen Abschalteinrichtungen nicht untersagte.

          Volkswagen schweigt auch jetzt. Juristisch mag das klug sein, und mit seinen Bußgeldzahlungen ist das Unternehmen strafrechtlich aus dem Schneider. Das Versprechen, bei VW sei alles anders geworden, wird durch die Wagenburgmentalität, die Wolfsburg im Dieselskandal immer aufs Neue an den Tag legt, nicht glaubwürdiger.

          Wenn Diess in China jetzt den Thunberg der Autobranche gibt, stünde dem Unternehmen ein bisschen mehr Bescheidenheit gut an. Die Anklageerhebung gegen Winterkorn zeigt schließlich auch, dass Wolfsburg bei der Aufklärung der Betrügereien beim „saubersten Diesel“ nicht viel Ehrgeiz hatte.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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