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Abgasskandal : Diskussion um VW-Finanzvorstand Pötsch

Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch soll nach dem bisherigen Plan VW-Aufsichtsratschef werden. Bild: dpa

Die Familien Porsche und Piëch stellen sich vor Finanzvorstand Hans-Dieter Pötsch. Doch steht seine jüngste Informationspolitik in der Kritik. Sein Wechsel an die Spitze des Aufsichtsrats ist fraglich.

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          Im VW-Konzern jagt eine Krisensitzung die nächste. Am frühen Mittwochabend trifft sich das Präsidium des Aufsichtsrats zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage. Auf der Tagesordnung steht ein Zwischenbericht der internen Revision, wonach die Entscheidung zum Einbau von manipulierter Software bereits im Laufe des Jahres 2005 in der Motorenentwicklung in der Wolfsburger Zentrale gefallen sein soll. Darüber hinaus geht es um den geplanten Wechsel des Finanzvorstands Hans Dieter Pötsch an die Spitze des Aufsichtsrates. Pötsch, seit 12 Jahren im VW-Vorstand, steht in der Kritik: Er habe die Finanzmärkte zu spät über die Folgen des Abgasbetrugs informiert, lautet der Vorwurf. Sollte das zutreffen, stünde sein Wechsel an die Aufsichtsratsspitze in Frage. Die Bafin hat bereits eine Untersuchung eingeleitet.

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          Allerdings bekam Pötsch am Nachmittag die Rückendeckung der Eigentümerfamilien Piëch und Porsche. Sie hielten unverändert an dem Plan fest, ihn zum Vorsitzenden des VW-Kontrollgremiums zu machen, sagte ein Sprecher der Dachgesellschaft Porsche SE am Mittwoch in Stuttgart. Die Holding hält die Mehrheit an VW, und die Familien Piëch und Porsche spielen die entscheidende Rolle in der Porsche SE.

          Audi stellt ebenfalls Strafanzeige

          Unterdessen weiteten sich die Ermittlungen um den Betrugsskandal aus. Wie am Mittwoch bekannt wurde, hat auch die VW-Tochtergesellschaft Audi eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Ingolstadt gestellt. „Damit wollen wir den Prozess der Aufklärung unterstützen“, sagte ein Sprecher von Audi. Die Staatsanwaltschaft in Braunschweig musste ihre Erklärung, sie habe ein Ermittlungsverfahren gegen den früheren Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn eingeleitet, korrigieren: Sie spricht jetzt nur noch von „Vorermittlungen“ und prüft einen Anfangsverdacht. Die früheren VW-Manager Bernd Pischetsrieder und Wolfgang Bernhardt wiesen Gerüchte zurück, sie seien in den Skandal verwickelt. Entsprechenden Medienberichten widersprachen ihre Anwälte „aufs Schärfste“.

          Bernd Pischetsrieder war von 2002 bis 2006 Chef von Volkswagen.

          In Amerika läuft die erwartete Klagewelle an: Als erste Regierungsbehörde hat der Landkreis Harris County in Texas eine Klage gegen VW eingereicht. Die Regionalverwaltung fordert mehr als 100 Millionen Dollar und begründet dies mit Luftverpestung durch mindestens 6000 in der Region verkauften VW-Dieselfahrzeuge, wie das Büro des zuständigen Staatsanwalts in Houston mitteilte. VW sieht sich außerdem Dutzenden Sammelklagen von Kunden und Aktionären gegenüber. Nach Medienberichten könnte es aber zumindest eine gute Nachricht für VW geben: So könnte der Konzern strafrechtlichen Ermittlungen des Justizministeriums wegen Abgasmanipulationen entgehen. Grund dafür sei eine Lücke in einem Umweltgesetz aus dem Jahr 1970, die Autohersteller von strafrechtlichen Sanktionen wegen Umweltvergehen befreie. Deshalb erwäge die Staatsanwaltschaft etwa, VW wegen Falschaussagen gegenüber Regulierungsbehörden zur Verantwortung zu ziehen.

          Beurlaubungswelle in Wolfsburg

          In Wolfsburg und Stuttgart werden erste personelle Konsequenzen gezogen. Gerüchten zufolge sind inzwischen etwa ein Dutzend Manager von der Arbeit beurlaubt worden, darunter auch der Entwicklungschef der Marke VW, Heinz-Jakob Neußer. Er steht im Verdacht, 2011 von einem Mitarbeiter vor möglichen illegalen Praktiken gewarnt worden zu sein, diese Information aber nicht richtig eingeordnet zu haben. Neußer war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen, ein Sprecher von VW wollte sich dazu nicht äußern. Während Konzernchef Matthias Müller den Skandal aufklären soll, wird Oliver Blume ab sofort seine Nachfolge als Vorstandschef der Dr. Ing. h. c. F. Porsche AG in Stuttgart antreten. Blume war seit zweieinhalb Jahren im Porsche-Vorstand für Produktion und Logistik verantwortlich. Wer dieses Ressort künftig führt, soll in den nächsten Wochen entschieden werden. Zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden berief der Porsche-Aufsichtsrat den Finanzvorstand Lutz Meschke. Die Position hatte bisher Personalvorstand Thomas Edig inne, der unabhängig vom VW-Abgasskandal zur VW-Nutzfahrzeugsparte wechselt. Detlev von Platen wird neuer Porsche-Vertriebsvorstand, während Bernhard Maier zu Skoda geschickt wird.

          Aus der Politik nimmt der Druck auf den Konzern, an dem das Land Niedersachsen beteiligt ist, zu. Der niedersächsische Wirtschaftsminister Olaf Lies, Mitglied des VW-Aufsichtsrats, forderte eine strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen. „Diejenigen, die erlaubt haben, dass dies geschehen kann und die, die entschieden haben, die Software zu installieren, haben kriminell gehandelt“, sagte der SPD-Politiker. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble forderte VW auf, zügig Konsequenzen zu ziehen. Er erwarte tiefgreifende Veränderungen in der Unternehmensstruktur: „VW wird am Ende nicht mehr das sein, was es war“, sagte er.

          „VW wird am Ende nicht mehr das sein, was es war“: Wolfgang Schäuble

          VW hat im Motorenwerk in Salzgitter die Produktion zurückgefahren. Vorsorglich sei auch eine Sonderschicht pro Woche abgesagt worden, sagte ein Sprecher. Längst sorgt die deutsche Autoindustrie sorgt sich derweil um ihre so wichtige Dieseltechnologie. Matthias Wissmann, der Präsident des Branchenverbands VDA, hatte gegenüber der F.A.Z. angekündigt, „mit Informationskampagnen alles zu tun, um den Verbraucher über die neuen und sauberen Dieselfahrzeuge aufzuklären“. Das scheint auch nötig, wie eine Forsa-Umfrage für das Magazin „Stern“ ergeben hat. Danach glaubt die Hälfte der Deutschen, dass durch den Skandal um manipulierte Abgaswerte nicht nur das Image von VW ramponiert ist, sondern das Ansehen der ganzen Industrie Schaden nimmt. Harald Linné, Automotive-Fachmann der Beratungsgesellschaft Atreus, sieht in den modernen Elektroautos eine Chance für den Standort Deutschland. „Die deutsche Autoindustrie muss ihr Sauber-Image zurückerobern, und das geht am ehesten durch die Elektromobilität“, sagte er der F.A.Z.

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