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Ringen um Nachfolgemodell : Das 9-Euro-Ticket ist beliebt, aber unbezahlbar

Günstiges Reiseziel: Ein Regionalexpress kommt in Berlin an. Bild: dpa

Der Erfolg des 9-Euro-Tickets lässt Forderungen für ein Nachfolgemodell aufflammen. Bundesfinanzminister Christian Lindner hält das für unbezahlbar, aber die SPD hätte da eine Idee.

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          In der Politik steigt der Druck, ein Nachfolgemodell für das beliebte 9-Euro-Ticket zu finden. Für Diskussionen sorgt allerdings die Finanzierung. Während Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) am Wochenende versuchte, die Hoffnungen für einen dauerhaft günstigen Preis im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu dämpfen, machte sich die SPD am Montag für eine Verlängerung der Rabattaktion stark.

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          SPD-Chef Lars Klingbeil etwa möchte einen Nachfolger für das 9-Euro-Ticket mit einer Sondersteuer auf hohe Zusatzgewinne von Energieunternehmen finanzieren. Es gebe Unternehmen, die durch den russischen Krieg in der Ukraine „massive Gewinne machen, ohne dass sie auch nur einen Handschlag mehr tun“, sagte Klingbeil im NDR. „Deswegen fordere ich, dass wir eine Übergewinnsteuer auch in Deutschland einführen.“

          Mit dem Geld könne die „dringend notwendige“ Nachfolge für das 9-Euro-Ticket bezahlt werden. „Dass wir dafür sorgen, dass die Bürgerinnen und Bürger weiter kostengünstig den öffentlichen Nahverkehr nutzen können, das sollten wir hinkriegen“, sagte Klingbeil. „Das Geld ist da, wir müssen es nur haben wollen.“

          Kosten von 10 Milliarden Euro im Jahr

          Auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ließ über seinen Sprecher Steffen Hebestreit den Erfolg der dreimonatigen Entlastung loben. Die Diskussion über eine Nachfolge sei im vollen Gange, doch diese sei sehr komplex und könne nicht allein auf Bundesebene geführt werden. Schließlich seien vor allem die Länder für den ÖPNV zuständig. Allerdings machte er deutlich, dass das Nachfolgemodell jedenfalls mehr als 9 Euro im Monat kosten müsse.

          „Hier geht es um sehr hohe Summen, die man nicht ins Unendliche verlängern kann“, sagte Hebestreit. Schätzungen gehen davon aus, dass eine Verlängerung des 9-Euro-Tickets in seiner derzeitigen Form – gültig für alle S-und U-Bahnen, Regionalzüge und Busse in ganz Deutschland – rund 10 Milliarden Euro im Jahr kosten würde. „10 Milliarden Euro umfasst den Jahreshaushalt ganzer Ministerien“, betonte er.

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          Anfang des Jahres war die Idee von Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP), zur Entlastung der Bürger von den hohen Energiekosten nicht nur einen Tankrabatt, sondern für einen Zeitraum von drei Monaten auch ein günstiges Nahverkehrsticket einzuführen, noch auf große Bedenken gestoßen. Die Ampelregierung hatte zudem stets betont, dass es wegen der hohen Kosten auch keine Verlängerung geben könne. Seit dem Verkaufsstart Ende Mai ist die Nachfrage jedoch groß: In den vergangenen zwei Monaten sind rund 38 Millionen Tickets verkauft worden, hinzu kommen die jeweils zehn Millionen Abonnentinnen und Abonnenten, wie der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) am Montag bekanntgab.

          „Gratismentalität à la bedingungsloses Grundeinkommen“

          Die anfängliche Skepsis ist deshalb einer lautstarken Forderung nach einem Nachfolgemodell gewichen. Die Grünen-Chefin Ricarda Lang hatte sich im Gespräch mit der F.A.Z. schon früh für eine Nachfolge ausgesprochen, inzwischen liegen mehrere Vorschläge auf dem Tisch, auch Wissing zeigte sich grundsätzlich offen. Der VDV plädiert für ein Monatsticket in Höhe von 69 Euro, das allerdings in einigen Regionen keine Entlastung darstellen würde. Die Grünen plädieren für ein Regionalticket für 29 Euro im Monat für ein Bundesland oder zumindest mehrere Tarifzonen. Ein bundesweites Ticket könnte ihren Vorstellungen nach 49 Euro kosten.

          Das würde aber bedeuten, dass der Staat weitere Milliarden zuschießen müsste. Schon jetzt zahlt der Bund mehr als 10 Milliarden Euro an die Länder, damit diese den Schienenverkehr finanzieren können. Die Diskussion hat deshalb nochmals an Fahrt aufgenommen, nachdem sich Finanzminister Lindner erstmals vehement dagegen ausgesprochen hat. Dafür stünden in der Finanzplanung keinerlei Mittel zur Verfügung, sagte er der „Augsburger Allgemeinen“.

          Der Minister sagte, er sei von einer „Gratismentalität à la bedingungsloses Grundeinkommen“ auch im Öffentlichen Nahverkehr nicht überzeugt. „Jeder Steuerzuschuss für ein nicht die Kosten deckendes Ticket bedeutet Umverteilung.“ Er halte es nicht für fair, wenn die Menschen auf dem Land, die keinen Bahnhof in der Nähe haben und auf das Auto angewiesen seien, den günstigen Nahverkehr subventionierten.

          Unklar ist auch noch immer der Nutzen der Rabattaktion: Während die gewünschte Entlastung der Bürger unstrittig ist, bleibt allerdings der zweite gewünschte Effekt bislang jedenfalls aus: Die Menschen nutzen das Ticket bisher eher für zusätzliche Fahrten und nicht dafür, ihr Auto stehen zu lassen: Bisherige Untersuchungen etwa durch den VDV zeigen nur einen leichten Verlagerungseffekt von der Straße auf den ÖPNV.

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