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Rabattaktion : Ansturm auf das 9-Euro-Ticket

Dichtes Gedränge: Reisende an Fahrscheinautomaten der Deutschen Bahn am Montag am Frankfurter Haupbahnhof Bild: Frank Röth

Seit Montag kann das 9-Euro-Ticket bei der Bahn gekauft werden. Das Interesse ist groß, die Deutsche Bahn verzeichnet einen Verkaufsrekord und verspricht mehr Züge – wenn auch nur im beschränkten Ausmaß.

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          Das 9-Euro-Ticket sorgt seit Wochen für Diskussionsstoff, dennoch kann es noch immer für Verzückung sorgen: In Nordhorn, an der Grenze zu den Niederlanden, steht am Montag eine Gruppe Jugendlicher – vielleicht 14 Jahre alt – am Bahnhof. Die Teenager werden ganz aufgeregt, als sie sich um den Automaten scharren. „Alter, ich kann hier das 9-Euro-Ticket buchen“, ruft einer. Ein anderer schaut in sein Portemonnaie: „Ich hab 45 Euro dabei, ich kann für uns alle buchen.“ Erst seit ein paar Jahren fahren in dem Städtchen überhaupt wieder Züge, kein Wunder, dass hier die größte Rabattaktion in der Geschichte des öffentlichen Nahverkehrs besonders gut ankommt.

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
          Gustav Theile
          Wirtschaftskorrespondent in Stuttgart.

          Aber das Interesse ist auch in allen anderen Regionen groß. Ähnlich begeistert scheinen jedenfalls die mehr als 200.000 Kunden zu sein, die sich schon bis zur Mittagszeit des ersten Verkaufstag über die Konzernvertriebskanäle der Deutschen Bahn ein solches Ticket sicherten, ganz so als würde das Ticket schon ab Montag gelten und sich nur auf ein bestimmtes Kontingent beschränken. Das ist jedoch nicht so. Der verbilligte Fahrpreis gilt erst ab Mittwoch nächster Woche und kennt keine Beschränkung. Und trotzdem: „Wir erleben gerade einen historisch großen Zugriff auf unsere Vertriebssysteme“, erklärt der Chef der Unternehmenstochter DB Regio, Jörg Sandvoß, der wiederum seiner eigenen Begeisterung freien Lauf lässt.

          „Setzen alles in Bewegung, was wir haben“

          Er lobte die „enorme Einfachheit des Tickets, das in allen Verkehrsverbünden in Deutschland gilt. „So etwas hat es noch nie gegeben. Allerdings: Er habe „keinen blassen Schimmer“, wie viele Fahrgäste insgesamt das Angebot nutzen werden, gab er zu. Ähnliche Verkaufserfolge meldeten auch andere Verkehrsverbünde, mitunter bildeten sich an den Ticketschaltern lange Schlangen. In der Hauptstadt wird das Ticket schon seit Freitag angeboten, dort registrierten die Berliner Verkehrsbetriebe 130 000 verkaufte Fahrkarten innerhalb von drei Tagen. Vereinzelt sind auf dem Kurznachrichtenportal Twitter am Montag auch verzweifelte Stimmen zu hören, die von vergeblichen Verkaufsversuchen berichten. Die Technik scheint noch nicht überall ausgereift. Aber ansonsten überwiegt an diesem Tag die positive Erkenntnis: Selten konnte man an deutschen Bahnautomaten so unkompliziert ein deutschlandweit gültiges Ticket erwerben.

          Der Ansturm könnte ein Vorgeschmack auf das sein, was sich bis Ende August auch in Bussen und Bahnen des Öffentlichen Nahverkehrs abspielen wird. Fernzüge bleiben indes verschont. Um diesem Herr zu werden, will die Deutsche Bahn zusätzlich Züge und Personal einsetzen „Wir bereiten uns vor und setzen buchstäblich alles in Bewegung, was wir haben – Züge, Busse, Servicekräfte“, betonte Sandvoß, räumte aber ein, dass die Möglichkeiten begrenzt seien. Gerade einmal 50 weitere Regionalzüge könne der Konzern aufbieten, zuzüglich zu den 7000 Zügen, die ohnehin schon im Einsatz sein. An den Feiertagen soll auch das Angebot auf touristischen Strecken erhöht werden. Mehr als 700 zusätzliche Service- und Sicherheitsmitarbeiter sollen Reisende unterstützen, die Bahn arbeitet dafür auch mit externen Dienstleistern zusammen. Auch die Wartung und Instandhaltung von Zügen soll während durch mobile Teams verstärkt werden.

          Aktion wird wissenschaftlich begleitet

          Damit entfacht das 9 Euro-Ticket eine Nachfrage, von der die Verkehrsunternehmen in der Corona-Pandemie nur träumen konnten. Seit März 2020 hatten sie mit drastisch gesunkenen Fahrgastzahlen zu kämpfen. Die Ticketausfälle waren so groß, dass Bund und Länder jeweils mehr als eine Millionen Euro als Corona-Rettungsschirm im Jahr nachschießen mussten. Der Pandemie-Schock scheint fürs erste jedenfalls überwunden: Inzwischen habe man fast wieder die Vor-Corona-Zahlen erreicht, berichtet Sandvoß, und nun sorgt das 9 Euro-Ticket für weiteren Zulauf. Da hilft es, die Erwartungen der aufgeregten Kundschaft im Vorfeld etwas zu dämpfen: Diesen Ansturm könnten die Verkehrsbetriebe nicht ohne Abstriche bei der Pünktlichkeit bewältigen, räumte Bahn-Manager Sandvoß ein und verwies zum Vergleich auf den Sommer 2020: Damals habe die Bahn zwar gute Pünktlichkeitswerte eingefahren, aber das habe vor allem an den niedrigen Kundenzahlen gelegen.

          Bei diesem sagenhaft günstigen Preis werden die Einnahmen von den Kunden für die nächsten drei Monate zwar weiterhin spärlich ausfallen, aber dafür hat der Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) schon versprochen, die neu gerissenen Löcher zu stopfen: 2,5 Milliarden Euro stellt der Bund dafür zur Verfügung. Der Nutzen für die Verkehrsbetriebe wird überdies noch ein anderer sein: Sie hoffen auf einen unschätzbaren Werbeeffekt – und auf vertiefte Erkenntnissen für den Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs, der in den nächsten Jahren ansteht: Um die Auswirkungen des Neun-Euro-Tickets auf den öffentlichen Nahverkehr zu bewerten, lässt der Bundesverkehrsminister die Aktion wissenschaftlich begleiten. Auch im Ausland habe man schon Interesse an der Auswertung angemeldet.

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