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Malcolm Turnbull : Der Machtmensch an der Spitze Australiens

Malcolm Turnbull Bild: Getty

Malcolm Turnbull wollte sein Leben lang Ministerpräsident in Australien werden. Nun hat er es geschafft. Und schwerer zu kämpfen, als es aussieht.

          Beim Blick auf die Überschriften der australischen Zeitungen dürfte Malcolm Turnbull am Dienstagmorgen tief Luft geholt haben: „Reicher Sack wird Ministerpräsident“ formulierten die „NT News“ in Darwin. Der „Sydney Morning Herald“ sprach vom „Lächelnden Mörder“, die „Herald Sun“ nannte ihn „Malcom, der Verräter“. Ganz augenscheinlich wollten es die Journalisten ihrem früheren Kollegen noch einmal so richtig zeigen. Das Schlimmste: Sie alle haben Recht.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Denn Turnbull, bislang Telekommunikationsminister, wurde am Dienstag zum vierten Ministerpräsidenten Australiens innerhalb von zwei Jahren vereidigt, nachdem er am Montag seinen Parteifreund Tony Abbott vom Thron geputscht hatte. Nun hat Turnbull das Amt, nach dem er über Jahre strebte. Und damit jede Menge Probleme. Klar ist, er müsste sich das nicht antun. Denn der frühere Journalist, Anwalt und Bankier sitzt auf einem riesigen Vermögen.

          Der 60-Jährige aber ist Überzeugungstäter. Er will eine Wende in Australien: „Wir brauchen einen Führungsstil, der die Intelligenz der Menschen respektiert, der komplexe Sachverhalte erklärt und dann einen Kurs vorgibt.“ Um diesen Kurs durchzusetzen und endlich selbst Macht zu bekommen, hat der gut vernetzte Großbürger aus Sydney zugestochen. Eiskalt, berechnend, erfolgreich. So wie er einst als Partner der Investmentbank Goldman Sachs Deals exekutierte. Sein Amtsvorgänger Abbott wollte Putin persönlich „an den Kragen gehen“. Er brach seine Versprechen nach Belieben. Und attackierte die Labor-Partei schon mal für einen „Holocaust an Arbeitsplätzen“. All das würde Turnbull niemals passieren. Er tritt geschliffen auf, hat ein beeindruckendes Netzwerk in der Elite dieser Welt und besitzt Machtinstinkt.

          Vielen bodenständigen Australiern gilt er als elitärer Sydneysider

          Die Parallelen zwischen Abbott und Turnbull enden bei biographischen Randnotizen: Beide sind im selben Alter, besuchten die besten Schulen Sydneys, sind in der liberalen Partei verwurzelt und studierten in Oxford. Beide arbeiteten in jungen Jahren auch als politische Journalisten. Besuchte Ministerpräsident Abbott aber Bauern, biss er schon mal in eine rohe Zwiebel. Turnbull hat dafür die Handynummer von Robert Rubin, dem früheren amerikanischen Finanzminister. In jungen Jahren kletterte Turnbull die Unternehmensleiter hoch, wurde zum Assistenten von Verleger Kerry Packer, führte als Anwalt spektakuläre Prozesse. Er kann knallhart sein, rief dem scheidenden Abbott nach: „Der Ministerpräsident war nicht in der Lage, der Nation die wirtschaftliche Führung zu bieten, die sie braucht.“ Turnbull ist fordernd und ungeduldig, gilt manchen als arrogant, gibt sich aber als Weltbürger. Für die Schwulenehe trat er genauso ein wie für einen stärkeren Umweltschutz in Australien.

          Der Mann an der Spitze der zwölftgrößten Volkswirtschaft der Welt wusste schon immer, was er wollte: nach ganz oben. Zu seinem 30. Geburtstag rief sein damaliger Chefredakteur dazu auf, den „künftigen Ministerpräsidenten der Welt“ hochleben zu lassen. Das Geburtstagskind stammte aus reichem Hause: Vater Bruce handelte mit Immobilien, lebte getrennt von Turnbulls Mutter Coral Lansbury, einer Literaturwissenschaftlerin und bekannten Autorin. Der Vater starb beim Absturz eines Flugzeugs 1982. Turnbull ließ ihn auf dem Familienanwesen in Hunter Valley beerdigen.

          Geld war immer da. 1994 kaufte der heutige Ministerpräsident für eine halbe Million Australischer Dollar einen Anteil am Internet-Start-up Ozemail, den er 2001 für 57 Millionen Dollar weiterreichen konnte. Als „Goldman“ vermehrte er sein Vermögen auf eine Summe, die Kenner auf 120 bis 200 Millionen Australische Dollar schätzen. Das eröffnet Parallelen zu John Key, dem neuseeländischen Ministerpräsidenten. Der führte vor seiner Polit-Karriere die Asiengeschäfte von Merrill Lynch. Und steuert den Inselstaat überaus erfolgreich.

          Turnbulls politischer Ziehvater ist John Howard, der erfolgreichste liberale Ministerpräsident Australiens. An dessen Politikstil will er sich ausrichten. Und doch wird er es schwer haben. Zum einen gilt er vielen bodenständigen Australiern als elitärer Sydneysider. Zum anderen haben Abbott und der konservative Flügel der Liberalen nun eine Rechnung mit ihm offen. Sie wollen Turnbull die Wahl im nächsten Jahr gewinnen lassen – und ihn dann zerlegen.

          Vielleicht hilft ihm sein Gespür für Verbündete: Seine Frau Lucy gebar ihm nicht nur Sohn und Tochter, sondern ist auch seine wichtigste Stütze. Während der Vater an seiner Karriere arbeitete, wurde seine als Bankerin und Anwältin erfolgreiche Gattin Bürgermeisterin von Sydney. Zum Abendempfang in ihre Villa mit Blick auf die Bucht von Sydney lädt das „Power-Couple“ schon mal den deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble ein. Und der kommt, ganz ohne Murren.

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