https://www.faz.net/-gqe-8hp0t

Waffenexport : Nachbeben nach gescheitertem U-Boot-Handel

Niederschmetternde Ablehnung: Australien hat für das deutsche Angebot harte Worte übrig. Bild: Reuters

Es sollte der größte Rüstungsauftrag in der deutschen Geschichte werden: Doch die australische Regierung zerpflückt nachträglich das Angebot. Berlin und Thyssen-Krupp hingegen kritisieren Ausschreibung.

          3 Min.

          Der Versuch, den größten Rüstungsauftrag der deutschen Geschichte zu gewinnen, endet für Thyssen-Krupp Marine Systems (TKMS) katastrophal. Die australische Delegation zerpflückte das Angebot der Deutschen bei ihrer abschließenden Erläuterung der Gründe für dessen Ablehnung. Die Kritik reichte von den technischen Fähigkeiten des geplanten Bootes über dessen Design bis zur Kostenkalkulation der Deutschen. Diese aber sollte von der deutschen Bundesregierung bestätigt werden. „Deshalb überraschen die Zweifel daran besonders und belasten die Beziehungen zwischen beiden Ländern“, heißt es nun in Berlin.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Deutschland hatte mit Macht und auf allen politischen Kanälen im vergangenen Jahr versucht, eine engere Beziehung zu Australien aufzubauen. Eine so krasse Ablehnung des gesamten Angebotspaketes könnte aber auch zur langfristigen Beschädigung des Rufes von TKMS führen. Im deutschen Lager wächst nun rückwirkend die Kritik an der Ausschreibung der Australier, die nicht ausreichend scharf gewesen sei.

          In Asien liefert TKMS Unterseeboote an Singapur und Korea und macht sich Hoffnung auf einen Großauftrag aus Indien. In Australien selbst sind die Deutschen noch im Rennen um den Bau von hochseetüchtigen Patrouillenbooten. Der Leiter des U-Boot-Geschäftes bei Thyssen-Krupp, Hans-Christoph Atzpodien, war am Dienstag in Oslo. Denn in Norwegen treffen die Deutschen im Ringen um einen Auftrag abermals auf die französische Staatswerft DCNS. Sie hat die Order zum Bau von zwölf Unterseebooten in Australien gegen TKMS und den japanischen Bewerber Mitsubishi gewonnen. Die nun aus einem geheimen Abschlussgespräch in Kiel Mitte Mai öffentlich gewordene Kritik der Australier wirkt deshalb geschäftsschädigend.

          Bei einer abschließenden Erklärung für die Ablehnung auf der TKMS-Werft lobten die Australier das Angebot der Deutschen zunächst in mehreren Punkten. Insbesondere der Plan, eine eigene Werft in Südaustralien zu errichten und von dort aus langfristig die Flotte zu unterstützen, sei sehr gut angekommen. Dann aber ließen die Kritikpunkte, die angeblich zur Ablehnung geführt hatten, Kopfschütteln aufkommen. Auch deshalb, weil die Zeitung „The Australian“ die als „geheim“ eingestufte Abschlussberatung mit Unternehmensvertretern und Entsandten mehrerer Ministerien ausbreitet – und TKMS damit endgültig in eine schwierige Lage bringt: „Wir können keine Stellung zu den Inhalten des Gesprächs in Kiel machen, weil wir zum Schweigen verpflichtet sind“, heißt es bei Thyssen-Krupp. Damit bleiben die Vorwürfe unbeantwortet im Raume stehen.

          Sie gehen tief: So kritisierte die australische Delegation, das deutsche Boot habe zu laute Betriebsgeräusche in einer bestimmten Frequenz. Auch bezweifelten die Australier, dass Thyssen-Krupp und Siemens überhaupt in der Lage seien, ein großes Boot mit größeren Motoren zu bauen. Kritik habe es zudem an der Brandgefahr der Lithium-Batterien und am Propeller-Antrieb der konkurrierenden Japaner und Deutschen gegeben. Vor allem glaubte man in Canberra – trotz der angekündigten Versicherung der Bundesregierung – Thyssen-Krupp nicht, dass sein Angebotspreis von 20 Milliarden Dollar für den Bau von zwölf Booten in Südaustralien realistisch sei. Die Gegenangebote aus Japan und Frankreich hätten so weit über dieser Summe gelegen, dass sie als wahrheitsgemäßer angesehen worden seien. „Ein starkes Stück: Berlin hat angekündigt, den Preis zu bestätigen – wie kann Australien diese Zweifel an der Bundesregierung äußern?“, heißt es im deutschen Lager.

          Lückenhafte Ausschreibung

          In der Lesart der Deutschen zeigte sich bei dem „Debriefing“, dass die Ausschreibung der Australier wesentlich zu vage gewesen sei. „Uns war das Gewicht der ganz speziellen Geräuschausschaltung bei der Ausschreibung zu keinem Zeitpunkt bewusst. Es ist ein Leichtes, dies auszuschalten“, heißt es. Sowohl die Antriebsarten wie auch die Batterieversorgung seien im Vorhinein bekannt gewesen. Und an dem Siemens-Motor des U-Bootes, den bislang ausschließlich TKMS geliefert bekommt, hätten inzwischen immerhin auch andere Nationen Interesse. „Wir sind mit 160 verkauften U-Booten Weltmarktführer, liefern nach Israel, dessen Marine enorme Ansprüche stellt. Wir können mit allen Anforderungen umgehen, wenn wir sie kennen“, heißt es bei TKMS.

          Die Zweifel am Prozess reichen im Lager der Verlierer aber weiter. Denn in Australien herrscht Wahlkampf, und mehrfach schon musste sich die Regierung für die Vergabe des Auftrages an die französische Staatswerft für mehr als 50 Milliarden Dollar rechtfertigen. Auch kämpft sie mit den Verwicklungen von DCNS in einem großen Bestechungsskandal in Malaysia, den australische Medien nach der Entscheidung genüsslich ausbreiten. Am Ende des Tages steht weiter die Vermutung im Raum, dass Australien DCNS gewählt habe, um sich langfristig einen nuklearen Antrieb für die erst 2030 fahrenden Unterseeboote zu sichern – den weder Deutsche noch Japaner anbieten.

          Öffnen

          Auch eine solche Option stand nie in der Ausschreibung, denn die australische Öffentlichkeit lehnt Atomenergie zu großen Teilen ab. Deshalb, so wird auf der deutschen Seite vermutet, setze Australien nun alles daran, die Verlierer schlecht aussehen zu lassen und so die Vergabe an DCNS zu rechtfertigen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.
          Wer zu den Besten in der Forschung gehören möchte, muss sich den Platz hart erkämpfen. Auch in Deutschland gibt es hierfür inzwischen Graduiertenschulen, die die Promovierenden unterstützen.

          Spitzenforschung : Wo die Promotion zur Selektion wird

          Amerikas Dominanz in der Spitzenforschung hat auch die hiesige Nachwuchsförderung kräftig umgekrempelt. Wer oben mitspielen will, muss an eine Graduiertenschule und sich von dort aus die begehrten Plätze erkämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.