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Banknoten : Der Schein trügt

Geld als Kunst: Peter Kees und Hans Winkler vor ihrem Werk Bild:

Konsumkritik mit ungewöhnlichen Mitteln: In Berlin stellen drei Künstler mit Schwefelsäure behandelte Geldscheine aus. Auch die Polizei interessiert sich für die Ausstellung. Sind doch gerade Banknoten in Umlauf, die auf geheimnisvolle Weise nach Berührung zerfielen.

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          „Wir machen mehr aus Ihrem Geld!“ versprechen Uwe Jonas, Peter Kees und Hans Winkler. Was nach billiger Anlegerlektüre klingt, ist in diesem Fall Kunst. Mit ihren Arbeiten, die derzeit in der Berliner Galerie Weißer Elefant ausgestellt werden, setzen die Künstler am Geldschein an. Sie bearbeiten diese mit Schwefelsäure. Das Ergebnis ihres Wirkens lässt sich in der Auguststraße 21 bewundern: Ein Hundert-Mark-Schein macht das Verschwinden der guten alten Mark mehr als augenfällig: Nur noch Reste der einst als stabil gerühmten Währung hängen gerahmt – neben fünfzig weiteren löchrigen, geschrumpften oder zerbröselten Scheinen diverser Währungen.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Das Werk erfährt derzeit große Aufmerksamkeit, nicht zuletzt die des Berliner Landeskriminalamtes, das in der vergangenen Woche vorbeischaute. Die Behörde verdächtigte die drei Geldkünstler, etwas mit den Euro-Geldscheinen zu tun zu haben, die auf geheimnisvolle Weise nach Berührung zerfielen. Mehr als 4000 Stück hat die Bundesbank mittlerweile aus dem Verkehr gezogen. In der Galerie wollten die Polizisten hinter die Türen mit den verdächtigen Aufschriften „Labor I“ und „Labor II“ schauen, wie Galerist Ralf Bartholomäus berichtet. Ihm macht die damit verbundene Publizität nach eigenem Bekunden richtig Spaß.

          Münzen mit Sekundenkleber festgeklebt

          Beamte standen mit Durchsuchungsbefehlen auch vor den Wohnungstüren der Künstler. Diese gelten zwar nicht als Beschuldigte, weil gegen unbekannt ermittelt wird, aber auch gegen Zeugen sind solche Zwangsmittel möglich, erläuterte ein Sprecher der Berliner Justizbehörde. Noch gibt es nach seinen Angaben keine Erkenntnisse.

          Der „Brösel-Euro”: Einer der zerfallenen Geldscheine, die in Umlauf waren
          Der „Brösel-Euro”: Einer der zerfallenen Geldscheine, die in Umlauf waren : Bild: picture-alliance/ dpa

          Eine Verbindung gibt es auf jeden Fall: Die Einladung zur Eröffnung der Ausstellung ziert ein durchlöcherter Fünfzig-Euro-Schein, den die Bundesbank veröffentlicht hatte. Das habe die Künstler inspiriert, berichtet Winkler. Er streitet ab, dass er und seine Künstlerkollegen mit der Schwefelsäure in der Badewanne etwas mit den im Umlauf befindlichen Bröselscheinen angestellt haben könnten. Kees weist ergänzend auf einen gewichtigen Unterschied hin: „Bei uns zersetzen sich die Scheine in Minuten.“

          Der Geldwert wurde schon öfter zum Kunstwerk. Winkler hat früher einmal auf der Wall Street Münzen mit Sekundenkleber festgeklebt und gefilmt, wie Leute aus dicken Autos versuchten, „nichts liegen zu lassen“. In der Straße, die zum Symbol der Profitgier wurde, war dies nur eine Aktion nach dem Motto: Kunst ist Kommerz, und Kommerz ist Kunst. Ein Vorbild für die Deutschen war der Politaktivist „Abbie“ Hoffman, der 1967 in der New Yorker Börse Dollarscheine auf die Börsenhändler regnen ließ, um deren Rennen nach dem Geld konkret zu machen.

          Antworten auf den „explodierenden Kunstmarkt geben“

          Heute rückt Winkler mit seinen zwei Künstlerfreunden den Banknoten zu Leibe. Der Säurefraß zielt nicht nur auf eine neue Ästhetik, man will auch zeigen, wie „relativ der Wert von Geld, von Kunst“ sei. Papiergeld biete sich dafür an; schließlich hänge sein Wert nicht vom eingesetzten Material, sondern nur vom Vertrauen der Anleger ab. Wenn es nicht so abgegriffen klingen würde, müsste fürs Geld wie für die Kunst die Frage lauten: Schein oder Sein?

          Man wolle Antworten auf den „explodierenden Kunstmarkt geben“, sagte Kees. Er berichtet von einem Werk eines chinesischen Künstlers, das für eine Million Euro verkauft worden sei. Er kritisiert auch, dass Galeristen und Sammler vermehrt in die Kunsthochschulen kämen, um Arbeiten von Studenten im ersten Semester zu kaufen – in der Hoffnung auf später steigende Werte.

          „Bringen Sie eigene Geldscheine mit!“

          In der Galerie Weißer Elefant wird die Spekulation mit der Kunst aufgespießt und auf die Spitze getrieben. Schon auf der Einladungskarte werden die Besucher aufgefordert: „Bringen Sie eigene Geldscheine mit!“ Wer einen springen lässt – mindestens 10 Euro sollten es sein, auch sollte er noch etwas wert sein – erhält die Zusage, die Hälfte des erhofften Verkaufserlöses von 250 Euro zu erhalten.

          Falls das aus den mitgebrachten Banknoten entstandene Werk hängen bleibt, erhält der „Kunstinvestor“ den zerfressenen Geldschein zurück. Den kann er sich dann aufhängen oder bei der Bundesbank gegen einen neuen tauschen. Falls mindestens noch der halbe Schein übrig ist, kann aus Kunst wieder Geld werden, das überall als Tauschmittel akzeptiert wird.

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