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Außenhandel : Allzeit bereit in Bagdad

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Keine Messe ohne Saddam Bild: dpa

Auf der Industriemesse in Bagdad stellen auch deutsche Firmen aus. Das Geschäft mit dem Irak ist heikel, doch man will es nicht verpassen.

          Viele hat es Überwindung gekostet, in diesem Jahr nach Irak zu reisen. Doch letztlich überwog wohl die Furcht, irgendwann einen Großauftrag aus Bagdad zu verpassen. Mit 101 Firmen ist Deutschland erneut größter ausländischer Aussteller auf der Industriemesse in der irakischen Hauptstadt, die am Freitag eröffnet wurde. Zwar treiben eine Reihe großer Unternehmen aus Deutschland Geschäfte mit irakischen Partnern, offen darüber reden aber wollen sie nicht.

          „Wenn Gott es erlaubt, sehen wir sie im kommenden Jahr wieder und Irak wird dann einen großen Sieg gegen seine Feinde davongetragen haben“, sagte der irakische Vize-Präsident Taha Jassin Ramadan in seiner Eröffnungsrede vor den versammelten Firmenvertretern. Und mit Blick auf die drei Mitglieder im UN-Sicherheitsrat unter den Ausstellern - China, Frankreich und Russland - meinte er: Die irakische Regierung sei zuversichtlich, dass „befreundete Länder“ innerhalb der UNO einen Krieg der USA und Großbritanniens gegen Bagdad nicht zulassen würden.

          „Heikles Thema“

          Die Messe ist natürlich eine politische Veranstaltung, die das Regime nutzt, um gegen die Pläne Washingtons und Londons mobil zu machen. Eine Schar Kinder skandiert zur Eröffnung anti-amerikanische Parolen: „Bush, Bush, hör genau zu: Wir lieben unseren Saddam Hussein“ und „Unsere Seele und unser Blut geben wir für Dich, Saddam“.

          Angesichts der angespannten politischen Lage gingen viele deutsche Firmen im Vorfeld der Messe auf Tauchstation. „Ein heikles Thema“, sagt ein Vertreter eines führenden deutschen Anlagenbauers. „Die Unternehmen sind derzeit vorsichtig mit Geschäften mit Irak“, erläutert Jochen Münker, Nahost-Experte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Allerdings liegt dies seiner Ansicht nach weniger an politischen Skrupeln als vielmehr an praktischen Hindernissen. Handel mit Irak ist nur unter dem „Öl für Lebensmittel"-Programm der Vereinten Nationen möglich. Die ausländischen Firmen hängen damit am Tropf der irakischen Ölförderung.

          Jedes Geschäft ist eine Nervenprobe

          Seinen Außenhandel muss sich Bagdad gemäß UN-Sanktionen mit Ölexporten erkaufen. Die Erlöse fließen auf ein UN-Treuhandkonto in New York. Für den Gegenwert kann Irak ausländische Güter einführen. Da sich allerdings Bagdads Ölexporte seit 1999 halbiert haben, weist das Konto derzeit ein Loch von sieben Milliarden Dollar auf. Damit liegen alle Exporte nach Irak brach. „Seit Dezember 2001 wurden keine Genehmigungen mehr erteilt“, sagt Münker. Voraussichtliche Wartezeit: ein Jahr. „Das schreckt viele Unternehmen ab“, betont der DIHK-Experte.

          Ohnehin ist jedes Geschäft eine Nervenprobe: Zuständig ist das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA). Es muss die Genehmigung für den Export erteilen. In New York prüft dann die UNO, ob die Güter unbedenklich sind - das heißt: nicht zu militärischen Zwecken nutzbar. Heikel ist alle Technik, wie Münker betont. Etwa „hochkomplizierte Geräte, die auch für Radaranlagen interessant sein könnten“. Im vergangenen Jahr genehmigte die UNO ganze 700 Exporte nach Irak. Der Wert der deutschen Ausfuhren lag bei 336,5 Millionen Euro. Damit stand Irak nur auf Platz 75 der deutschen Handelspartner - nach Kolumbien und Estland, aber noch vor Malta und Island. Allein die reguläre Bearbeitung der Anträge dauert sechseinhalb Monate.

          Diplomatie ist angesagt

          Trotz dieser Hürden wollen viele deutsche Firmen ihre Geschäfte nicht aufgeben: „Wir haben relativ gute Beziehungen“, sagt ein Firmensprecher. „Ein Vertreter für eine bestimmte Sparte von Anlagen ist vor Ort, den wollen wir unterstützen.“ Motivation genug für eine Messeteilnahme in Bagdad, wo in diesem Jahr etwa die Lastwagen-Bauer MAN und Mercedes ausstellen. Neben den Deutschen sind dort Franzosen, Russen, Spanier und Italiener am stärksten vertreten.

          Die Frage, ob sich die Lage durch einen US-Angriff auf Irak und einen möglichen Regimewechsel verbessern könnte, kommentiert ein deutscher Firmenvertreter mit nur einem Satz: „Man kann derzeit überhaupt nichts vorhersagen.“

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