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Aussehen als Qualifikation : Groß und fit soll der Manager sein

Nicht minder wichtig als die Statur ist die Figur. Den Marsch an die Spitze bremst das Hüftgold ganz empfindlich, zeigte Ende August dieses Jahres eine aufsehenerregende Untersuchung der Universität Tübingen unter Personalentscheidern. Ihnen wurden zwölf Fotos von Bewerbern vorgelegt. Alle waren etwa gleich alt, mit ähnlichem sozioökonomischen Status, wobei die Forscher ein paar Kandidaten mit Migrationshintergrund beimischten, um ihre Probanden abzulenken. Einige Fotos zeigten stark übergewichtige Kandidaten. „Die Ergebnisse sind eindeutig“, sagt die federführende Wissenschaftlerin Katrin Giel. Die Übergewichtigen schnitten viel schlechter ab. „Ihnen wurde fast nie ein Beruf mit hohem Prestige zugetraut, und sie wurden selten für eine Abteilungsleiterstelle ausgewählt.“

Gewicht ist die eigene Schuld

Kein Wunder, wissen die Personaler doch: Für seine Größe kann der Mensch nichts, für sein Gewicht gemeinhin schon. Wer klein ist, hat Pech. Wer dick ist, der ist schuldig. Schuldig der Trägheit und Disziplinlosigkeit. Genetische oder physiologische Ursachen werden ignoriert. Offiziell würde dies aber kein Arbeitgeber zugeben. „Über so einen Unsinn denken wir gar nicht erst nach“, heißt es - eine glatte Lüge. Das bestätigen Personalberater: „Dass sich dicke Männer oder Frauen erfolgreich für höhere Führungspositionen bewerben, ist die absolute Ausnahme“, sagt der Partner einer Firma, die für die Führungsetagen der Wirtschaft Kandidaten sucht.

Leute wie Umweltminister Peter Altmaier (140 Kilo: „Ich habe Waffenstillstand mit meinem Gewicht geschlossen.“) hätten in der Wirtschaft kaum eine Chance. Lang vorbei sind die Zeiten, in denen Top-Manager in Karikaturen mit Schmerbauch, dicker Uhrenkette, Zigarre und Cognac-Glas gezeichnet wurden. Der Chef von heute ist durchtrainiert, asketisch, signalisiert Energie und Effizienz. Morgens quält er sich um 5.00 Uhr aus dem Bett zum Waldlauf. „Es gibt kaum jemanden, der einem nicht erzählt, er würde im nächsten Jahr wieder Marathon laufen“, lästert der Personalberater.

Soziale Auslese durch BMI

Der psychische Druck, gegen Übergewicht und Unsportlichkeit anzukämpfen, ist enorm. Denn Bierbauch und Fettrollen stehen nicht nur für Faulheit und Inflexibilität, sondern auch für einen zu hohen Blutdruck oder Cholesterinspiegel. Seit Jahren beschäftigt sich der Arzt und Gesundheitsberater Gunter Frank mit der Gesundheit von Top-Managern. „Über die Hälfte der Führungskräfte will abnehmen“, weiß er von Manager-Checks - sogar wenn sie gar nicht zu viel wiegen: „Hier findet eine soziale Auslese über den Körperumfang oder den BMI statt.“

BMI, der „Body-Mass-Index“, bei dem das Gewicht durch das Quadrat der Körpergröße geteilt wird, ist die neue Richtschnur, nach der Menschen in „zu dünn“, „normal“, „übergewichtig“ und „fettleibig“ eingeteilt werden. Kein Unternehmen will von Menschen repräsentiert werden, die unter dem Generalverdacht der Trägheit stehen. Gunter Frank findet die Haltung archaisch und primitiv, lässt sie sich medizinisch doch nicht eindeutig begründen. Im Gegenteil tut ein leichtes Übergewicht ab 50 statistisch gesehen der Gesundheit sogar ganz gut.

Arbeitgeber registiert Gewicht

Dennoch machen die Unternehmen das Gewicht ihrer Mitarbeiter ganz offiziell zum Thema. Betriebssport, Firmenläufe, Fahrradaktionen und Gesundheitschecks sind an der Tagesordnung. So kann der Arbeitgeber ganz offen Gewicht und Körpergröße registrieren, den BMI errechnen und bei Überschreitung einer fast willkürlich gesetzten Norm ein Kreuzchen an der Stelle „übergewichtig“ setzen. Ein Mann von 1,80 Meter Körpergröße wird dann schon ab 81 Kilo als zu dick eingestuft.

„Viele Führungskräfte verfolgen dies mit Unbehagen“, berichtet der Mediziner Frank. Sie befürchten nicht zu Unrecht, dass ihr BMI, falls es die Karriereleiter weiter hinaufgeht, zum Gradmesser ihrer Eignung wird, unabhängig vom Allgemeinzustand. Unternehmen und ihre Mitarbeiter müssten sich dem Thema stellen, sagt Betriebswirtin Sonja Bischoff. „Es hat schon seinen Grund, warum die Probespiele großer Orchester oft hinter einem Vorhang stattfinden.“ So hat schon mancher Musiker Karriere gemacht, den sein Aussehen sonst wohl aus der Bahn geworfen hätte.

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