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Ausbildungsangebote : Ein Schultag findet im Betrieb statt

Das etwas andere Klassenzimmer: Die Meyer-Werft in Papenburg Bild: Claus Setzer

Auf dem „Bildungsgipfel“ an diesem Mittwoch wird auch darüber gesprochen, wie Schüler auf das Berufsleben vorbereitet werden sollen. Manche Schulen gehen mit gutem Beispiel voran - und kooperieren eng mit der Wirtschaft.

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          Nicht viele Schulen können von sich behaupten, mit fast 200 Unternehmen regelmäßig und verbindlich zusammenzuarbeiten. Die Michaelschule im norddeutschen Papenburg tut dies, "damit wir alle unterbringen können", wie Schulleiter Ludger Stukenborg sagt. Unterbringen will er alle seine Haupt- und Realschüler - rund 1000 sind es derzeit -, und zwar im Berufsleben. Das gelingt an der Michaelschule so erfolgreich, dass sie schon einige Male für ihre Berufsorientierung ausgezeichnet wurde, zuletzt mit dem Seneca-Preis des Bundeswirtschaftsministeriums und im vergangenen Jahr mit dem "Ausbildungsass" der Wirtschaftsjunioren Deutschland.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          "25 Prozent unserer Schüler haben ein festes Ausbildungsangebot, schon bevor sie die Schule verlassen", sagt Stukenborg und hat noch mehr Fakten auf Lager, von denen die meisten Direktoren anderer Haupt- und Realschulen nur träumen können. "Die Versagerquote beträgt im Prinzip null", sagt er. Das heißt, dass alle seine Schüler, bis auf ganz wenige Ausnahmen, nach der Schulzeit einen Ausbildungsplatz bekommen und im Berufsleben Fuß fassen. "Keiner, der will, bleibt hier auf der Strecke", sagt Stukenborg.

          Frühe praktische Vorbereitung

          Die Schüler der Michaelschule gehören ganz offensichtlich nicht zu den rund 8 Prozent eines Jahrgangs, die jedes Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen. Sie gehören auch nicht zu den 15 bis 20 Prozent der Jugendlichen, die als nicht berufsfähig gelten. Die Michaelschule entlässt ihre Schüler deshalb so erfolgreich ins Berufsleben, weil sie sie frühzeitig und praktisch darauf vorbereitet. Das kann sie aber nur in Zusammenarbeit mit der örtlichen Wirtschaft, die den Schülern unter anderem eine große Zahl von Praktikumsplätzen zur Verfügung stellt. Denn jeder Michaelschüler geht ein Jahr lang einmal in der Woche einen ganzen Tag in einen Betrieb. Zwei unterschiedliche Betriebe lernt er in dieser Zeit kennen und kann dort die Kenntnisse, die er in der Schule in einem der vielen berufsorientierenden Wahlpflichtkurse erworben hat, praktisch vertiefen.

          Zunächst hätten die Unternehmen die Zusatzbelastungen allerdings gescheut, erzählt Stukenborg. Doch gebe es heute keine Vorbehalte mehr. Ganz im Gegenteil dürften die Schüler richtig in den Betrieben mitarbeiten, würden keineswegs nur zum Kaffeeholen geschickt. Die Unternehmen hätten erkannt, wie nützlich es sei, mögliche Auszubildende schon mal unverbindlich anzuschauen. Stukenborg rät, die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft verbindlich in Verträgen zu regeln. Die Michaelschule hat zum einen Verträge mit zwei örtlichen Handwerkskammern geschlossen und erreicht so 180 Handwerksbetriebe, zum anderen mit einigen großen Industrieunternehmen, zum Beispiel der Meyer-Werft.

          Entwicklung nimmt ganz allmählich Fahrt auf

          Die Michaelschule geht einer Entwicklung voran, die in Deutschland ganz allmählich Fahrt aufnimmt. Immer mehr Schulen arbeiten eng und regelmäßig mit Unternehmen zusammen. Immer öfter werden die Details dieser Kooperationen in Verträgen verbindlich festgelegt, wie die Arbeitsgemeinschaft Schule-Wirtschaft beobachtet hat. Die Initiative, die auf Bundesebene von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und dem Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) getragen wird, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Schulen und Unternehmen zusammenzubringen. Dahinter steht die Überzeugung, dass sich Schulen und Unternehmen gegenseitig brauchen, wenn sie die Schüler besser auf das Berufsleben vorbereiten wollen. Noch klaffe zwischen den Anforderungen der Betriebe und den Leistungsprofilen der Schulabgänger eine zu große Lücke, klagt die Arbeitsgemeinschaft.

          Die Wirtschaftsjunioren, ein Zusammenschluss junger Unternehmer, empfehlen vor allem den mittelständischen Unternehmen, enge Bande mit Schulen zu knüpfen. Denn ihnen gelinge es besonders schlecht, gut qualifizierte Berufseinsteiger zu finden. Kernstück einer jeden Zusammenarbeit sollten regelmäßige Praktika der Schüler in den Unternehmen sein. Für die Schulen sei es gut, Unternehmen aus möglichst vielen Branchen in ihr Netzwerk einzubinden. Dann könnten die Schüler in ganz unterschiedlichen Unternehmen Erfahrungen sammeln und ihre Erwartungen testen. "Denn viele Jugendliche brechen ihre Lehre ab, weil sie falsche Erwartungen haben", sagt Sprecherin Corinna Trips.

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