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Ausbildung in Corona-Zeiten : Eine verlorene Generation?

  • -Aktualisiert am

Ein Auszubildender beim Gasschweißen Bild: dpa

Das neue Ausbildungsjahr startet nicht so dramatisch wie befürchtet. Doch eine große Herausforderung ist damit noch nicht gelöst.

          3 Min.

          Das neue Ausbildungsjahr beginnt für viele junge Menschen unter ganz anderen Vorzeichen als erwartet. Eben noch stand ihnen buchstäblich die Welt offen: Der scheinbar endlose Wirtschaftsaufschwung und der zunehmende Fachkräftemangel sorgten dafür, dass die Unternehmen sich geradezu um sie rissen. Ein Verdienst über Tariflohn, gute Übernahmechancen, dazu ein Zuschuss zum Führerschein: alles keine Seltenheit. Mit Ausbruch der Pandemie sah die Lage plötzlich ganz anders aus. Auf einmal sorgten sich Politik, Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände, ein ganzer Jahrgang von Schulabgängern könnte durch die Krise auf der Strecke bleiben und zur „Generation Corona“ werden – mit Folgen für die gesamte Wirtschaft, der künftig die dringend benötigten Fachkräfte fehlen würden.

          Diese Sorgen waren nicht unberechtigt, und sie bestehen weiter. Der wochenlange Lockdown hat viele Betriebe hart getroffen, gerade kleinere, die einen großen Teil der Ausbildungsplätze stellen. Doch welcher Handwerker, Gastronom oder Friseur führt Bewerbungsgespräche, wenn er nicht weiß, ob sein Unternehmen die Krise überhaupt überlebt? Zudem konnten Ausbildungsmessen nicht stattfinden, die Berufsberater der Arbeitsagenturen nicht in die Schulen gehen, viele Praktika mussten ausfallen. All das läuft erst langsam wieder an. Die Appelle an die Unternehmen, trotz der Rezession weiter auszubilden, sind daher selbst nach dem offiziellen Start des neuen Lehrjahres noch nicht verklungen.

          Mehr Stellen als Bewerber

          Es gibt allerdings erste Anzeichen, dass es zumindest aus Sicht der Bewerber auf dem Ausbildungsmarkt nicht so dramatisch kommt, wie zwischenzeitlich befürchtet. Zwar ist die Zahl der Ausbildungsplätze, die Unternehmen den Arbeitsagenturen gemeldet haben, deutlich zurückgegangen. Im Juli waren es fast 495.000, rund 8 Prozent weniger als vor einem Jahr. Doch hat in den beiden vergangenen Monaten ein Aufholprozess eingesetzt, der hoffen lässt. Und die Bundesagentur für Arbeit berichtet, dass die Arbeitgeber ihre Lehrstellenangebote bisher nicht in großem Stil zurückgezogen hätten, sondern diese nach dem Lockdown lediglich zeitlich verzögert – mit sechs bis acht Wochen Verzug – besetzen.

          Weil zugleich auch die Zahl der Bewerber deutlich abgenommen hat, um ebenfalls gut 8 Prozent auf 439.000, stellt sich die Ausgangslage für sie rein rechnerisch aktuell ähnlich dar wie im vergangenen Jahr. Der Statistik zufolge gibt es sogar weiter einen Überhang an Ausbildungsplätzen, auch wenn die aggregierten Werte verdecken, dass die Situation in Berlin, Hessen und NRW weniger günstig ist und für einige Berufe deutlich weniger Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen. Beispiele sind die Metall- und Elektroberufe, das Friseurhandwerk, die Hotellerie und der kaufmännische Bereich.

          Deutschland braucht gut ausgebildete Fachkräfte

          All das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die andere große Herausforderung – den künftigen Fachkräftebedarf zu sichern – damit noch nicht gelöst ist. Zum einen, weil niemand weiß, wie viel des Rückstands noch aufgeholt werden kann und was passiert, sollte es doch wieder zu Einschränkungen des öffentlichen Lebens kommen. Zum anderen, weil der Abwärtstrend schon vor Ausbruch der Krise begonnen hat. Bereits im März lag die Zahl der Ausbildungsplätze 6 Prozent unter dem Vorjahr. Als Grund gelten die damals schon schwächelnde Konjunktur sowie die Tatsache, dass ein Teil der Betriebe nach ergebnisloser Suche enttäuscht aufgegeben hat. Ähnlich verhält es sich mit der Zahl der Bewerber, die ebenfalls schon vor Corona abgenommen hat, was an der rückläufigen Zahl an Schulabgängern sowie dem anhaltenden Trend zum Studium liegen dürfte.

          Diese Entwicklungen sind bedenklich, und es ist schwer, ihnen etwas entgegenzusetzen. Die Bundesregierung verweist derzeit häufig auf die neue Ausbildungsprämie: Kleine und mittelständische Unternehmen mit großen Umsatzeinbußen durch die Corona-Krise sollen bis zu 3000 Euro je Ausbildungsvertrag erhalten. Das dürfte zu gewaltigen Mitnahmeeffekten führen – doch was es bringt, ist offen. Umso wichtiger wäre, dass alle Beteiligten versuchen, zu retten, was in diesem Jahr noch zu retten ist: Die Arbeitgeber müssen sich ihrer Verantwortung in dieser Zeit bewusst sein und, wo möglich, weiter ausbilden. Die Jugendlichen sollten offen sein für einen Umzug oder eine Ausbildung, die nicht ihre erste Wahl ist. Die Berufsberater dürfen nicht nachlassen in ihren Bemühungen, junge Menschen in Ausbildung zu vermitteln, zur Not bis in den Winter hinein. Deutschland braucht auch in Zukunft gut ausgebildete Fachkräfte: Elektroniker, Anlagenführer, Schweißer, Bäcker, Kaufleute. Der Wohlstand des Landes hängt davon ab, daran hat auch Corona nichts geändert.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

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