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Aus der Elternzeit in die Selbständigkeit : Erst Mutter, dann Unternehmerin

Karina Bizzi hat während der Elternzeit ein Unternehmen für Bio-Eis gegründet Bild: Setzer, Claus

Wenn ein Kind kommt, sorgen sich viele Frauen um ihre berufliche Zukunft. Andere nutzen die Elternzeit und machen sich selbständig.

          8 Min.

          Wenn Karina Bizzi zur Arbeit kommt, zieht sie sich warm an. Sie hat ihre beiden Töchter in den Kindergarten gebracht, danach wieder einmal auf der Ausfallstraße im Stau gestanden und ist nun in Eile. Sie streift eine Skijacke über ihr ärmelloses T-Shirt, tauscht ihre Turnschuhe gegen Lammfellstiefel und verschwindet im Kühlraum. Aus dem einstigen Tresorraum der ehemaligen Bundesbankdruckerei in einem Gewerbegebiet im Osten Frankfurts holt sie nun ihren Schatz: Vanille-, Schoko-, Mandel-Kardamon-Eis und Orangen-Minze-Sorbet, hergestellt aus biologischen Zutaten, in knalligen Farben verpackt.

          Karina Bizzi wollte nach der Geburt ihrer Kinder etwas „Greifbares“ machen
          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aus dem Nebenraum schallt laute Elektromusik. Wo früher D-Mark-Scheine gedruckt wurden, gießt ein Mitarbeiter kiloweise Quark in die Eismaschine. Karina Bizzi hat eine Idee für eine neue Sommersorte, die nun ausprobiert wird. Die zierliche Frau mit den langen blonden Haaren und den dunkel lackierten Fingernägeln kontrolliert noch schnell die Rührmaschine, wechselt ein paar Worte mit ihrem Schwiegervater, der mit scheinbar stoischer Ruhe Etiketten auf Eisbecher klebt, und schließt dann die Tür zu ihrem Büro. Sie setzt sich zwar auf ihren Schreibtischstuhl, aber nur auf das vordere Drittel, ganz so, als rechne sie damit, jederzeit wieder aufspringen zu müssen.

          Am Anfang sind die Kinder untergegangen

          Bis vor kurzem war Bizzi Ice ein Ein-Frau-Betrieb. Produktion, Werbung, Auslieferung, alles hat Karina Bizzi allein gemacht und abends, wenn die Kinder im Bett waren, noch die Buchhaltung. Oft haben ihre beiden Töchter im Büro gespielt, während sie an der Eismaschine stand, die selbstgemalten Bilder an den Wänden zeugen davon. "Am Anfang sind die Kinder vor lauter Arbeit ein bisschen untergegangen", sagt Bizzi. Trotzdem bereut sie es nicht, sich kurz nach der Geburt ihrer ersten Tochter selbständig gemacht zu haben: "Immer wenn ich mein Eis in den Händen halte, denke ich, ,wow' das hast du selbst gemacht!" Und auch Tochter Elena platzt immer fast vor Stolz, wenn der ganze Kindergarten zum Probeessen einer neuen Sorte eingeladen wird. Zwar träume sie manchmal von einem geregelten Arbeitstag von 9 bis 14 Uhr und Spielplatz-Nachmittagen mit ihren Kindern. Gleichzeitig weiß sie jedoch, dass dieser Wunsch mit ihrem früheren Arbeitsplatz unvereinbar wäre. "Als ich schwanger wurde, war mir klar, dass es keinen Weg mehr zurück gibt", erzählt sie. Zu häufig hat sie beobachtet, dass es für Frauen mit Kindern in der Werbebranche, wo sie früher tätig war, nur zwei Möglichkeiten gibt: entweder so weiterzuarbeiten wie bisher oder auf Teilzeit umzustellen - und damit auf dem Abstellgleis zu landen. Beides wollte Bizzi nicht. Außerdem sei sie in der Schwangerschaft "emotional anders gepolt gewesen", sagt sie: "Ich wollte etwas Greifbares machen."

          Die Idee, ein Unternehmen für Bio-Eis zu gründen, entstand aus ihrem eigenen Bedürfnis. In der Schwangerschaft hatte sie andauernd Heißhunger auf Süßes, probierte sich von Eisdiele zu Eisdiele - und wurde immer wieder enttäuscht. "Was ich dort bekam, hatte nichts mit dem zu tun, was wir aus Italien kennen." Von dort stammt ihr Mann, der selbst ein Cateringunternehmen besitzt, und auch ein Großteil der Rezepte für Bizzi-Ice. Ihr Mann unterstützte sie auch bei ihrem Vorhaben, ein eigenes Unternehmen zu gründen - eine Grundvoraussetzung dafür, dass es mit der Selbständigkeit in der Elternzeit klappt.

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