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Kommentar : Der politische Zins

  • -Aktualisiert am

Die EZB-Zentrale in Frankfurt: Die Politik will die Zentralbanken zum Sündenbock machen. Für den Niedrigzins sind diese aber nicht allein verantwortlich. Bild: dpa

Aus dem Marktzins wurde längst ein politischer Zins. Die Politik will die Notenbanken zum Sündenbock machen – dabei ist sie selbst für die Politik im Portemonnaie verantwortlich.

          Der Markt ist für viele der liebste Feind. Am Kapitalmarkt arbeiten sich Kapitalismuskritiker, Globalisierungsgegner oder Antiamerikaner genauso ab wie die Planwirtschaftler in der EU. Was machen die Gegner des Marktes eigentlich, wenn auch sie bemerken, dass der Kapitalmarkt gar kein Markt mehr ist? Vielleicht denken sie anlässlich des Epochenwechsels am Anleihemarkt einmal darüber nach, was Markt und was Politik ist.

          Erstmals in der Geschichte ist die Rendite für Bundesanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren negativ. Das klingt technisch, ist aber dramatisch. Für den Finanzminister ist das eine schöne Sache. Weil der Bund für Kredite bis zehn Jahre keine Zinsen mehr zahlen muss, kann sich Schäuble für die schwarze Null feiern lassen. Für Sparer sind negative Zinsen eine Katastrophe, weil sie dafür bestraft werden, dass sie ihr Geld dem deutschen Staat leihen – in zehn Jahren bekommen sie weniger zurück.

          Das tut doch kein vernünftiger Mensch, möchte man meinen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Mehr als die Hälfte aller Staatsanleihen im Euroraum hat negative Renditen; weltweit gibt es solche Anleihen im Volumen von rund elf Billionen Dollar. Da in einer Welt ohne Zins kaum noch ein Plan für die Altersvorsorge aufgeht, steigt die Wut der Sparer. Denn früher oder später wird jeder dafür zahlen, über die Lebensversicherung, den Sparvertrag, die Pensionskasse, den Hauskauf oder die Miete, weil in so gut wie jeder Finanztransaktion der Zins steckt.

          Jetzt will die Politik Notenbanken zum alleinigen Sündenbock machen. Dabei schreibt die Finanzpolitik Versicherungen oder Pensionskassen vor, den größten Teil des Geldes in Anleihen zu investieren. Die Finanzpolitik ermunterte die Zentralbanken auch zum Kauf von Staatsanleihen. Heute tut sie so, als habe sie mit den geldpolitischen Interventionen am Kapitalmarkt nichts zu tun.

          Dabei wurden die Notenbanken unter dem Applaus der Finanzpolitik zu den mit Abstand größten Gläubigern am Kapitalmarkt. So wurde ein Markt nach dem anderen zerstört; aus dem Marktzins wurde durch Eingriffe der Zentralbanken ein politischer Zins. Politiker mögen auf Vergesslichkeit hoffen. Doch es könnte auch sein, dass die Wähler auf die größte Umverteilung der Geschichte – vom Gläubiger zum Staatsschuldner – erst später reagieren, nämlich dann, wenn sie die Folgen dieser Politik im Portemonnaie sehen.

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