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Aufwärts : Die Krise ist vorbei

  • -Aktualisiert am

Der Kapitalismus brummt, die Auftragsbücher sind voll, neue Jobs entstehen. War die Finanzkrise nur ein Spuk, der den Talkshows einige Monate lang frei Haus die Gäste lieferte? Gewiss nicht.

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          Als im Mai 1873 an der Wiener Börse eine Immobilienblase platzte, brach unter den Anlegern in Hochadel, Bürgertum und einfachem Volk eine Panik aus. Von Selbstmorden unter Bankern und Börsenhändlern war die Rede.

          Panik war es auch, was die Menschen aller Stände und Länder im Herbst und Winter 2008 erlebten, als Lehman zusammenbrach und die Banken schlagartig aufhörten, einander Geld zu leihen. Der Schock war so groß, dass die Leute keine Autos oder Flachbildfernseher mehr bestellten, die Auto- und Elektrofirmen keine neuen Maschinen mehr orderten und überall die Arbeit fehlte.

          Für einen Moment war die Welt zum Stillstand gekommen. Das war die Stunde der Apokalyptiker. Je nach Temperament wurde das Ende der Finanzindustrie, die Rückkehr der Massenarbeitslosigkeit oder der Untergang des Kapitalismus prophezeit. Zumindest die Wiederholung der Großen Depression Mitte des 20. Jahrhunderts, als das Bruttoinlandsprodukt zeitweise um ein Viertel schrumpfte und die Arbeitslosigkeit mehr als dreißig Prozent betrug, schien nicht wenigen ein realistisches Szenario.

          Vielen Mittelständlern ist die Angst noch ins Gesicht geschrieben

          Heute wissen wir: Wir sind noch einmal davongekommen. Maschinenbauer und Autohersteller können sich vor Aufträgen nicht retten, fahren Sonderschichten, stellen neue Leute ein, und Arbeitsmarktexperten halten Vollbeschäftigung für bald erreichbar. Die Krise ist vorbei, schlagartig, der Kapitalismus brummt: Aufschwung heißt der Wirtschaftsalltag, auch wenn in Amerika, für transatlantische Verhältnisse ungewöhnlich kleingläubig, immer noch viele Kundige einen zweiten Einbruch für möglich halten.

          Deutschland ist besonders gut durch die Krise gekommen: Ein ungewöhnlich starkes Wachstum von mehr als drei Prozent wird in diesem Jahr wohl zusammenkommen, sagen die Institute (die freilich gern daneben liegen). Das Niveau des Wohlstands entspräche dann wieder dem Boomjahr 2007, als es uns, soweit erinnerlich, nicht schlecht ging.

          War also alles nur ein Spuk, der den Talkshows einige Monate lang frei Haus die Gäste lieferte? Gewiss nicht. Den deutschen Mittelständlern ist heute noch die Angst ins Gesicht geschrieben, wenn sie von jenen Depressionswochen der leeren Auftragsbücher erzählen: kein Umsatz, kein Gewinn, keine Beschäftigung.

          Sparsam wie die Schwaben

          Aber zugleich bleibt im Rückblick ein eigenartiges Gefühl der Unwirklichkeit einer Krise, die doch die schwerste in der Nachkriegszeit hatte werden wollen. Weil nämlich die Deutschen keinen Häuserboom hatten, konnten sie auch krisenbedingt keine Häuser verlieren. Weil (fast) alle Deutschen wie sparsame Schwaben wirtschaften, Geld zurücklegen, anstatt auf Pump zu leben, brauchten sie auch ihren Konsum nicht zu drosseln. Weil Arbeitszeitkonten und Kurzarbeit die Beschäftigung erhielten, schrumpfte auch das Einkommen breiter Schichten nicht. Und die Rettungsaktionen der Staaten werden zwar spätere Generationen belasten, aber nicht uns Zeitzeugen.

          Noch streiten die Fachleute darüber, ob alles wegen oder trotz der gigantischen Summen so glimpflich abging, welche die Staaten zur Rettung eingesetzt haben. Nahezu unbestritten ist, dass die Geldpolitiker ihre Sache gut gemacht haben und - durch Schaden und viel Forschung wird man klug - böse Fehler der dreißiger Jahre vermieden haben. Ob allerdings auch die Fiskalpolitik mit ihren milliardenschweren Konjunkturprogrammen ebenso klug war, ist weniger gewiss. Dass bei BASF jetzt wieder Natronlauge und bei Schaeffler wieder Wälzlager bestellt werden, ist jedenfalls kaum dem Umstand geschuldet, dass mit viel Staatsgeld Schulräume frisch geweißelt wurden.

          Irrationaler Aktionismus

          Der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe weist in seiner gerade erschienenen Geschichte der Wirtschaftskrisen darauf hin, dass die Geschichtswissenschaft es bis heute versäumt hat, eine Theorie der Krise zu schreiben. Auch die Wissenschaft hat offenbar das Gefühl, Krisen dürfe es gar nicht geben, und orientiert sich an utopischen Gleichgewichtsvorstellungen. Dabei ist das zyklische Auf und Ab, der Wechsel von Übertreibung und Ängstlichkeit seit Joseph von Ägypten der ökonomische Normalfall. Wenn aber jede neue Krise wie eine noch nie dagewesene Naturkatastrophe erscheint, verfallen die Politiker dem irrationalen Aktionismus, und Intellektuelle wie Stammtische ergötzen sich in fundamentalistischem Moralismus.

          Gerade das regelmäßige Auftreten von Krisen verbiete die Annahme, ihre Gründe in der Rücksichtslosigkeit Einzelner zu suchen, meinte Karl Marx. Das Fehlen einer anständigen Theorie aber führt in die Wiederholungsfalle: Ordentliches Wachstum und billiges Geld waren noch immer der Anfang jeder Finanzblase. Schon geht es wieder los.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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