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Aufbruch : Bauen am neuen Burma

Burma: Aus einst blühenden Landschaften wurden unter den Militärs Bauruinen Bild: Francis Leroy/hemis.fr/laif

Die Generäle wirtschafteten das einst reichste Land Südostasiens herunter. Dann zogen sie ihre Uniform aus. Nun drängen alle nach Burma: Investoren, Makler, Berater. Die Menschen aber müssen sich an die verordnete Freiheit erst gewöhnen.

          Die Hitze des Tages liegt noch schwer auf der Stadt. Die untergehende Sonne lässt die goldene Spitze der Shwedagon-Pagode glühen. Hier oben auf der Dachterrasse kühlt eine leichte Brise, die Menschen wiegen sich im Takt der Musik aus den großen schwarzen Boxen. Wer hier ist, zählt zu den Gewinnern im neuen Burma: Unternehmer und Erben, Werbeleute und Computerexperten, Manager und Diplomaten, schöne Frauen und Männer mit Hemden, die einen Knopf zu weit offen stehen. Im Hochhaus gegenüber flackert das rosafarbene Licht eines trostlosen Karaoke-Clubs. Auf der Dachterrasse leuchten die Augen. „Jetzt haben wir die Chance, die wir brauchen“, sagt U Moe Kyaw. „Wenn der Westen uns jetzt nicht hilft, dann landen wir für Dekaden wieder in den Armen Chinas. Aber gewinnen werden wir so oder so.“

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Party hat begonnen - nicht nur auf dem Dach des Büroturms, in dem U Moe Kyaw drei Etagen gemietet hat. Mit seinem kleinen Konglomerat, das den kiloschweren Band der ersten Gelben Seiten der Wirtschaftsmetropole Rangun verlegt, Werbespots aufnimmt, Marktforschung betreibt, steht er in der ersten Reihe des Aufschwungs. „Bislang hat die Regierung von den drei Ks gelebt: Kontakt, Kontrolle, Kommando. Nun kommt noch ein Viertes hinzu: das Sichkümmern“, sagt der 47-Jährige. „Und das wird alles ändern.“

          Vom Ziel gibt es eine Idee, der Weg aber liegt im Dunklen

          Burma, das sich selber Myanmar nennt, hat Anfang vergangenen Jahres sein Dasein als schlimmste Militärdiktatur Südostasiens abgestreift wie eine alte Uniform. Aus Generälen wurden Zivilisten, die sich Demokraten nennen - in der Regierung aber haben sie weiter das Sagen. Burmas Kurs erinnert an das Befahren einer nächtlichen Autobahn ohne Scheinwerfer: Vom Ziel gibt es eine Idee, der Weg aber liegt im Dunklen. Drehen und umkehren geht nicht. Der Duft der Freiheit hat das Land erfasst, wabert wie eine weiche Wolke über den Städten und den Hütten auf dem Lande. Jeder atmet ihn ein. Noch weiß kaum einer, was er mit der Freiheit anfangen soll. Aber aufwärts soll es gehen. Mit mehr Chancen. Mehr Geld. Und Kindern, denen es einst bessergehen wird als den Eltern.

          Min Lyat Chan bietet Überlebenstrainings an

          Min Lyat Chan weiß, wie sich das anfühlt. Kenmin wird er genannt, hat einen Körper wie ein Leistungssportler, den offenen Charme des Erfolgreichen und einen Beruf, um den ihn alle beneiden: Er ist Lehrer in einem Sicherheitszentrum für Ölarbeiter und Matrosen. Das wurde von der deutschen Uniteam Marine gebaut, einem Mittelständler, der burmesische Besatzungen für Seeschiffe bereitstellt. Ganz nebenbei eröffnete Uniteam mit dem Savoy auch noch eines der schönsten Hotels der Stadt. Dort begann Kenmins Aufstieg: Der Leiter des Sicherheitszentrums wurde auf den Kellner aufmerksam. Er engagierte den jungen Mann, der so gutes Englisch sprach, als Instrukteur. Schickte ihn abends an die Hochschule, um noch ein bisschen Psychologie zu hören. Heute trainiert der 26-jährige Kenmin Ölarbeiter darin, zu überleben, wenn ihr Hubschrauber in die offene See stürzt, und Matrosen, sich bei einem Schiffsuntergang zu retten. Von den 500 Dollar, die er als Instrukteur im Monat bekommt, schickt er die Hälfte an seine Eltern nach Hause. Mehrfach am Tag taucht er in dem großen Trainingsbecken ab. Sein Chef, der Holländer Paul van Empel, betätigt sich dann als Wettergott: „Wir können hier Regen und Sturm, Nebel und Wellen simulieren“, sagt van Empel. Dann drückt er auf einen Knopf, und in dem riesigen Schwimmbad am Rande von Rangun tobt der Sturm los.

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