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„Auf einen Espresso“ : Länger warten

Bild: F.A.Z.

Sagen Sie nie wieder, die Griechen seien faul! Kein Parlament tagt so lang wie ihres. Doch es gibt andere Leute, die noch mehr Geduld brauchen.

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          Sagen Sie nie wieder, die Griechen seien faul! Bis zwei Uhr in der Nacht hat das griechische Parlament in der Nacht auf Donnerstag getagt, um die ersten Voraussetzungen für das Hilfspaket zu beschließen. Und jetzt gucken Sie mal, wann der Bundestag am Freitag abgestimmt hat. Um 14 Uhr. Selbst die überzogene Fraktionssitzung der Union am Vorabend war noch vor Mitternacht vorbei.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nachtarbeit ist in den vergangenen Wochen wieder richtig in Mode gekommen. Man könnte sagen, die Griechen haben Europa auf ihren Politikrhythmus eingestellt. Da sind Investmentbanker nichts dagegen! Sie kennen noch den „Magic Roundabout“, den „magischen Kreisverkehr“? Der ging so: die Nacht durcharbeiten, mit dem Taxi nach Hause fahren, Taxi warten lassen, duschen und mit dem Taxi zurück. Das war das Ziel für harte Investmentbanker. Und was machen die Regierungschefs? Die verhandeln bis 9 Uhr durch und gehen dann nicht nach Hause, sondern geben auch noch Pressekonferenzen. Gut, die hatten natürlich auch einen harten Chef. Ratspräsident Donald Tusk soll angeordnet haben, dass niemand den Gipfel verlässt, bevor ein Kompromiss gefunden ist.

          Manchmal dauert's länger. Auch mit den Computerchips

          Andererseits sind das ja alles noch überschaubare Zeiträume. Es gibt da ja noch die Leute, die 9 Jahre auf das Erfolgserlebnis ihrer Arbeit warten mussten. Liebe Erfinder der Pluto-Sonde „New Horizons“, vielen Dank für eure Arbeit und eure Geduld! Stellen Sie sich das mal vor: 9 Jahre! Als „New Horizons“ 2006 in Richtung Pluto geschossen wurde, wollte noch kein Deutscher dergleichen mit Griechenland tun. Damals war Griechenland für die Deutschen nur ein sonniges, etwas teures Urlaubsziel für humanistisch gebildete Lehrer. Und die Leute von der Nasa sind mit dem Warten noch nicht fertig, der „Magic Roundabout“ der Pluto-Fotos dauert ein bisschen länger. Allein bis ein Befehl empfangen und zurückgeschickt ist, dauert es 9 Stunden. Und die Datenübertragungsrate soll so schlecht sein wie auf einem Modem der 80er Jahre.

          Manchmal dauert’s eben länger. Davon erzählt uns jetzt auch Intel. Moore’s Law gelte nicht mehr in seiner alten Form, sagt der Intel-Chef. Moore’s Law, Sie erinnern sich vielleicht, wurde vom Intel-Gründer Gordon Moore aufgestellt und besagt in seiner aktuellen Form, dass sich die Zahl der Schaltelemente auf einem Chip immer innerhalb von 18 Monaten verdoppelt. Ungefähr in dieser Form gilt das Gesetz schon seit 50 Jahren, wahrscheinlich länger, als Moore dachte. Der neue Intel-Chef aber sagt: Das schafft er nicht mehr. Auf Deutsch formuliert, heißt das: Die Chips schaffen es nicht mehr, innerhalb von 18 Monaten noch mal um so viel mächtiger zu werden wie in der ganzen Computergeschichte zuvor. Dazu brauchen sie jetzt die vergleichsweise ausgeruhte Zeit von 30 Monaten.

          Wo kommt die große Stagnation her?

          Und das gerade jetzt, wo das Wirtschaftswachstum sowieso schon so schwach ist! Rund um die Welt wächst die Wirtschaft in den entwickelten Ländern seit Jahren immer langsamer. Die „lange Stagnation“ sieht der Harvard-Ökonom und ehemalige amerikanische Finanzminister Larry Summers aufziehen. Jetzt hat die Industrieländer-Organisation OECD untersucht, woran das liegt.

          Das Ergebnis: Die Firmen sind zu träge. Erfindungen gäbe es, aber bis sie von den innovativsten Unternehmen bei den anderen angekommen sind, dauert es so lange wie noch nie zuvor. Und das, während wir denken, dass die Welt sich sowieso schon so schnell bewegt wie nie zuvor. Offenbar bekommen die Unternehmen auf ihren Märkten nicht genügend Druck, die Innovationen nachzuziehen. Irgendetwas läuft da noch nicht rund. Und wir lernen: Am Ende kommt’s vielleicht nicht so sehr darauf an, wie lange man arbeitet, sondern wie man sich organisiert. Und dann denken wir noch mal an die Griechenland-Verhandlungen.

          So gesehen, wäre der Bundestag dann besser organisiert als das griechische Parlament. Aber was der dann beschließt! Die Rente mit 63 zum Beispiel. 200.000 Leute haben die in Anspruch genommen, und den Arbeitgebern fehlen jetzt plötzlich 100.000 Leute - gerade wo die Unternehmen angesichts des Fachkräftemangels angefangen hatten, ältere Mitarbeiter länger zu beschäftigen. Dass der Bundestag die Rente mit 63 beschlossen hat - sagt das mal den Griechen, die in ihrer Nachtsitzung vom Mittwoch vollkommen zu Recht ihr Rentenalter nach oben gesetzt haben.

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