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Auf einen Espresso : Richtig feiern

Bild: F.A.Z.

Was braucht ein Weltmeister? Er muss auch mal feiern dürfen. Dafür brauchen wir jetzt sowieso mehr Zeit.

          2 Min.

          Was braucht ein Weltmeister? Seit dem vergangenen Wochenende haben wir das gelernt: Er muss flexibel bleiben und Fehler korrigieren können. Er muss auf den Erfolg warten können, wenn der ein bisschen später kommt. Er muss als Talent schon früh gefördert werden. Er muss für die Mannschaft spielen. Und er muss auch mal feiern dürfen, ohne dass sich jeder gleich darüber aufregt.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein paar Feiertage haben uns die Fußball-Jungs in den vergangenen Wochen im Gegenzug auch beschert. Sieben Stück, um genau zu sein, und die beiden schönsten zum Schluss. Es gibt ja kaum noch höhere Feiertage als WM-Tage. Eine SMS an einem Mittwoch um 21.30 Uhr? Kein Problem, die Antwort kommt oftt postwendend. Ein Arbeitsanruf an Fronleichnam? Wird natürlich beantwortet. Aber eine Arbeitsmail zehn Minuten vor Anstoß der Nationalmannschaft? Keine Chance. Zu so einer Zeit schickt man doch keine Mails – das ist schon richtig unhöflich.

          Wir haben sie aber nötig, die Feiertage. Man hat ja heute kaum noch Zeit. Und von dieser knappen Zeit will jeder immer noch mehr haben! Amazon setzt sich jetzt wieder an die Spitze der Bewegung. In Amerika sollen die Kunden bald eine E-Book-Flatrate bekommen – das heißt: immer noch ein weiteres Buch zu lesen, ohne dass man mehr bezahlen muss. Dabei verführt uns die Flatrate-Kultur schon zu unbegrenzt vielen Kinofilmen und unbegrenztem Musikhören. Wir können gespannt sein, was das auf Dauer für unseren Kulturgenuss bedeutet. Wie viel Geld Autoren und Musiker damit verdienen können. Ob die großen Händler dadurch noch mehr Kunden bekommen. Und vielleicht entdecken wir ja in Zukunft noch viel mehr kleine, unbekannte Künstler. Ist ja bei einer Flatrate nicht so wild, mal ins Album reinzuhören oder in das Buch reinzulesen. Wenn’s nix war, hört man einfach wieder auf.

          Für welches Buch haben die Leser keine Zeit?

          Fertig lesen ist sowieso überbewertet. Das „Wall Street Journal“ hat jetzt analysiert, welche englischsprachigen Bücher bis zum Ende gelesen werden – man kann das inzwischen halbwegs zuverlässig daran feststellen, welche Textpassagen von vielen Kindle-Lesern markiert werden. Wenn alle beliebten Textpassagen im ersten Kapitel sind, sind wahrscheinlich nur wenige Leser bis zum letzten Kapitel gekommen. Sheryl Sandbergs Frauen-Power-Buch „Lean In“ schneidet für ein Sachbuch ganz gut ab und landet kurz hinter dem „Großen Gatsby“. Ein sehr gut verkauftes Werk aber fällt vollkommen ab – die letzte Lieblingspassage der Leser steht auf Seite 26 von 700. Es handelt sich um das Buch von Thomas Piketty, der eine Herrschaft der Reichen prophezeit. Einst war ja alle Welt überrascht, dass sich so ein wissenschaftliches Werk in den Vereinigten Staaten so gut verkauft. Jetzt ist die Überraschung schon wieder kleiner.

          In Deutschland dagegen werden offenbar die Karrieresorgen kleiner, nicht nur für Weltmeister. Die Freizeit wird wichtiger. Inzwischen fällt selbst an den Universitäten auf, dass junge Leute nicht mehr so viel arbeiten wie früher. Publikationsdruck rund um die Uhr? Das machen sie nicht mehr mit. Ein Professor hat gerade erzählt, dass sogar seine Doktoranden, die in voller Freiheit an ihrem liebsten Thema forschen und den Grundstein für eine lange Karriere legen wollen, nur noch 40 Stunden in der Woche arbeiten. Da ändert sich etwas, und das betrifft vielleicht bald nicht mehr nur die junge „Generation Y“. Früher war es ein Statussymbol, überhaupt Arbeit zu haben, und zwar am besten viel davon. Jetzt aber sind viele Regionen Deutschlands nahe an der Vollbeschäftigung, da werden andere Statussymbole wieder wichtiger.

          Woher kommt jetzt der Gedanke an das Paket, das hier auf dem Schreibtisch liegt? Darin steckt eine neue Armbanduhr, nicht so ein Tausend-Euro-Ding zum Vererben, sondern eine Computer-Uhr mit Verbindung zum Handy. Das ist der nächste heftig umkämpfte Markt – und Apple ist noch gar nicht drin. Als Technik-Enthusiast weist man sich mit so einer Uhr auf jeden Fall aus. Ob sie auch tatsächlich einen Nutzen bringt, das muss die Zeit zeigen.

          Aber jetzt ist dringend Schluss. Die meisten Kollegen sind schon nach Hause gegangen. Und so altmodisch will doch wirklich keiner mehr sein, dass er in der beginnenden Sommerpause noch lange Überstunden macht.

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