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Auf einen Espresso : Zum Vergessen

Bild: F.A.Z.

Sie kennen das doch auch: diese Tage, die man lieber vergessen würde. Ein Toter wird nicht mehr vergessen – er wird zur künstlichen Intelligenz.

          2 Min.

          Sie kennen das doch auch: diese Tage, die man lieber vergessen würde. An der New York University hatte ein Mitarbeiter so einen. Am Mittwoch. Da stellte er eine Terminankündigung auf die Website der Universität. Es sollte eine Pressekonferenz geben, am Montag, mit Paul Romer, Wirtschafts-Nobelpreisträger 2016. Das Problem an der Geschichte: Der Nobelpreis wird erst am Montag beschlossen und verkündet. Was, wenn die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften jetzt tatsächlich Romer auf dem Zettel stehen hatte? Ändert sie dann ihre Entscheidung noch mal?

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jaja, schon klar. Wer so eine Geschichte erzählt, bekommt innerhalb von höchstens drei Minuten korrigierende E-Mails, man habe da ja etwas vergessen: Der Preis sei ja gar kein Nobelpreis, Alfred Nobel habe ihn im Testament gar nicht vorgesehen. Das ist wahr, tatsächlich wurde der Preis erst 1969 von der schwedischen Notenbank gestiftet und von der Nobel-Stiftung aufgenommen. Muss man das wirklich ständig in Erinnerung behalten? Heute werden die Preisträger ausgewählt wie die Nobelpreise für Physik oder Chemie: von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften. Wer dem Wirtschafts-Nobelpreis noch nach fast 50 Jahren die Gründungsgeschichte nachträgt, der sollte darüber nachdenken, ob er Siemens auch noch als Telegrafen-Hersteller bezeichnen will.

          Bei manchen Firmen geht das Vergessen auch ganz schnell. Wenn es um Twitter geht, zum Beispiel. Anfang der Woche hieß es noch, Disney oder Google könnten Twitter kaufen. Die beiden Firmen können sich aber Ende der Woche an ihre Idee kaum noch erinnern. Ende Oktober will Twitter endlich wissen, was es mit sich vorhat. Mal sehen, ob sich dann überhaupt noch jemand daran erinnern will, Twitter zu kaufen.

          Und die Deutsche Bank? Naja.

          Überraschung Work-Life-Balance

          Die Leute vergessen ja auch schneller, als sie denken können. Wenn es um die Balance zwischen Beruf und Privatleben geht, zum Beispiel. Das muss früher ja viel schlimmer gewesen sein, als die Arbeitszeiten noch länger waren, oder? Schon falsch erinnert. Kürzlich haben englische Forscher einen internationalen Vergleich gemacht: Je kürzer die Arbeitszeiten in einem Land waren, desto eher beschwerten sich die Leute im Land über Probleme mit der Work-Life-Balance. Offenbar scheint man sich mit abnehmender Arbeitszeit nicht mehr so gut an die Probleme mit längerer Arbeitszeit zu erinnern.

          Ob das mit Steuern genauso funktioniert? Je höher die Steuern, desto eher lassen sich die Leute noch höhere Steuern andrehen? Die Steuersenkung jedenfalls, die die Bundesregierung diese Woche beschlossen hat, macht selbst für die reichsten Erwachsenen höchstens 13 Euro im Monat aus. Für ihre Kinder 7 Euro. Wer wenig verdient, für den ist auch das eine spürbare Summe – bei Wenigverdienern rechnet sich aber auch die Steuersenkung in kleinere Beträge um. Am Schluss steigt das Steueraufkommen für die Bundesregierung immer noch. Eine Steuersenkung zum Vergessen – vielleicht zu wenig, wo sich der Finanzminister vor der Wahl noch mal als richtig großzügig in Erinnerung bringen will.

          Das krasseste Mittel gegen das Vergessen ist sowieso gerade in Russland erfunden worden: von einer Programmiererin, die normalerweise Chatbots entwickelt, mit denen man sich unterhalten kann wie mit normalen Menschen, um Tische in Restaurants zu reservieren. Als ihr bester Freund starb, sammelte sie bei seinen Freunden die E-Mails und SMS ein, die er geschrieben hatte. Die Texte gab sie einer künstlichen Intelligenz als Training. Jetzt gibt es einen Chatbot, mit dem man sich unterhalten kann wie mit dem toten Mann. Nur seine Eltern merken, dass die Formulierungen und Gedanken nicht ganz passen. Viele Freunde nutzen das Programm aber, um sich über den Verlust hinwegzutrösten.

          Und jetzt weiß ich auch nicht mehr, was ich dazu noch sagen soll.

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