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Auf einen Espresso : Leiser mähen mit Röttgen

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Ilse Aigner muss aufpassen. Im Kabinett ist mittlerweile jeder sein eigener Verbraucherschutzminister. Am weitesten treibt es Bundesumweltminister Röttgen.

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          Ilse Aigner muss aufpassen. Im Kabinett ist mittlerweile jeder sein eigener Verbraucherschutzminister. Am weitesten treibt es Bundesumweltminister Norbert Röttgen. Der Internetauftritt seines Ressorts gleicht eher dem Quelle-Katalog. Schon auf der Startseite des Hauses findet man sich in der „Produktwelt blauer Engel“, einer Orientierungshilfe für den umweltfreundlichen Einkauf. Frisch im Angebot der Tipp für April: Lärmarme Gartengeräte für das leise Gärtnern. Heckenscheren, Motorkettensägen, Rasenmäher und Rasentrimmer. Lediglich beim Laubbläser muss der CDU-Minister noch passen. „Obwohl hier lärmarme Ausführungen am Markt angeboten werden, können die sonstigen ökologischen Auswirkungen dieser Geräte zum Beispiel Humusabtragung und Vernichtung von Kleinstlebewesen erheblich sein“, bedauert das Ministerium.

          Dafür bleibt sonst kein Wunsch unerfüllt bei angeblich 11 700 Produkten. Wie wäre es mit dem Stihl Akku-Rasentrimmer Typ FSA 65 für die kabellose Grünpflege, leichte Mäharbeiten im privaten Garten, in Parks und öffentlichen Anlagen? Fast kommen wir in Versuchung, schließlich ist unser teurer Rollrasen (Sie erinnern sich, liebe Leser) in äußerst beklagenswertem Zustand. Über wenige Klicks führt der Link vom Umweltministerium zum Anbieter. Fehlt nur noch eine klitzekleine Subvention, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Ob sich die Unternehmen für die aktive ministerielle Verkaufsförderung beim nächsten Fest des Hauses erkenntlich zeigen?

          Schade, dass Ostern gerade vorbei ist. Jetzt müssen Sie und wir ein Jahr warten, um die Tipps für das „ökorrekte Osterei“ und den Kaffee „mit gutem Gewissen“ auszuprobieren. Wie viele Mitarbeiter des Umweltministeriums sich wohl mit der politisch ökologisch korrekten Kaufberatung der Bürger beschäftigen?

          Wenn Röttgen nicht die Umwelt rettet, ist er als Wahlkämpfer in Nordrhein-Westfalen unterwegs, um SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft vom Thron zu stoßen. Helfen soll ihm nun auch Steffen Kampeter, der sich als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium nicht ausgelastet fühlt. Siegt die CDU an Rhein und Ruhr, wird Kampeter Herr über ein Etatloch von 4 Milliarden Euro. Das sollte für Beschäftigung sorgen.

          An einen Wahlsieg scheint seine Schatten-Kabinettskollegin Claudia Kemfert aber nicht zu glauben. Auf ihrer Homepage verkündet die vergangene Woche von Röttgen als Energieministerin nominierte Ökonomin noch immer stolz: „Ich erhalte - neben Angeboten aus der Politik - immer wieder Angebote aus der Wirtschaft - gerne sähe man mich dort in leitender Position. Und obwohl mir große Handlungsspielräume und attraktive Konditionen geboten werden, ist der Wechsel aus der Forschung in die Wirtschaft oder in die Politik für mich keine Alternative - ich bin und bleibe Wissenschaftlerin!“ Vielleicht sollte sie wenigstens das Ausrufezeichen langsam entfernen.

          Zweifel hegt auch mancher Sozialdemokrat, allerdings mit Blick auf die Bundestagswahl. SPD-EU-Parlamentspräsident Martin Schulz schildert die Bundeskanzlerin in der F.A.Z. als unüberwindbar: „Im Europäischen Rat steht es meistens 26 gegen eine. Am Ende stimmen doch alle Frau Merkel zu.“ Kein Wunder, dass aus der SPD-Troika - Steinmeier, Steinbrück und Gabriel - keiner vorpreschen will, um den Kampf endlich aufzunehmen.

          Bitter für die FDP: Während die Piraten flott voran segeln und mit 11 Prozent den Grünen nahe rücken, dümpeln die Liberalen bundesweit bei 3 Prozent. „Rösler will nicht einsehen, dass er es nicht kann“, klagt am Telefon einer, der schon viel erlebt hat mit seiner Partei. Trost spendet vielleicht ein Blick ins Archiv. Auch vor knapp vierzig Jahren suchten Leitartikler wie der unvergessene Johannes Gross schon „Ein Profil für die FDP“. Wie alle kleinen Parteien, die sich auf den Liberalismus beriefen, habe sie nur sehr wenig Eigentümliches vorzuweisen und müsse sich daher programmatisch und situationsgerecht jeweils festlegen, um „Trittsteine für den Strom der Wechselwählerschaft“ bereitzustellen. Diese Aufgabe habe die FDP in ihrer Geschichte mehrfach vortrefflich gelöst. Also, warum nicht auch diesmal?

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