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Auf einen Espresso : Betteln für den Euro

Während Draghi den Koffer für Frankfurt packt, fährt der Chef des Rettungsfonds EFSF schon mal mit dem Klingelbeutel um die halbe Welt.

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          Post von der Patentante aus Battaglia Terme. Aus alter Gewohnheit schickt sie der deutschen Nichte bisweilen Geld, das für einen netten Restaurantbesuch reicht. Früher, als die Lira noch zu viele Nullen ohne Wert hatte und der italienischen Post gar nicht zu trauen war, waren Schweizer Franken im Umschlag, abgeschickt aus dem Urlaub im Tessin. Heute vertraut die alte Dame der italienischen Post und dem Euro - und dem italienischen Notenbankchef Mario Draghi als einem der wenigen fähigen Köpfe im italienischen Politikersumpf. Den lässt sie höchst ungern gen Norden an die Spitze der Europäischen Zentralbank ziehen. „Wir sind traurig. Wir schicken Euch unseren besten Mann“, schreibt sie. Möge die Tante recht behalten.

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

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          Während Draghi den Koffer für Frankfurt packt, fährt der Chef des Rettungsfonds EFSF schon mal mit dem Klingelbeutel um die halbe Welt. Klaus Regling soll die Chinesen und andere Schwellenländer mit großen Staatsfonds anzapfen, um aus 440 Milliarden Euro Rettungsvolumen für überschuldete Euroländer und strauchelnde Banken mehr als eine Billion Euro zu machen. Sie sollen beim „Hebeln“ des Fonds helfen. Das werden die nicht aus rein karitativen Motiven machen oder wegen der freundlichen Augen von Herrn Regling, sondern sich ihr Mitwirken gut bezahlen lassen. Vielleicht auch ein Rabatt bei den Menschenrechten? Peinlich wirkt die Bettelaktion des Abendlandes.

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          So eine Krise kann ein lohnendes Geschäft sein. Auch der eine oder andere deutsche Ökonom hat sein Portefeuille in jüngerer Zeit offenbar noch erfolgreich mit griechischen Staatsanleihen diversifiziert. Und bleibt trotz des angekündigten Schuldenschnitts gelassen. Der gelte ja nur für Banken, nicht für Privatanleger, freut sich der ehemalige Vorsitzende des Sachverständigenrates, Bert Rürup, der seit zwei Jahren das Beratungsunternehmen Maschmeyern RürupAG betreibt. So viel geballter Finanzverstand muss es ja wissen.

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          In Erklärungsnot ist, so leid es uns tut, schon wieder die FDP. Wie soll sie dem gemeinen Volk auch klarmachen, dass sie zwar gegen einen Hebel ist, aber nicht gegen die zwei, die jetzt im Brüsseler Morgengrauen beschlossen worden sind? Parteichef Philipp Rösler, in einer Fernsehsendung Donnerstag auf die gefühlte Diskrepanz zu früheren Aussagen angesprochen, eiert. Man sei gegen einen „klassischen Hebel“ gewesen, eine Banklizenz für den Rettungsfonds. Was nun vereinbart worden sei, „das ist ausdrücklich kein Hebel, aber er steigert insgesamt die Möglichkeiten“ des Rettungsfonds. Es ergebe sich aber, weil „kein Hebel gemacht“ worden sei, ausdrücklich kein höheres Risiko für Deutschlands 211-Milliarden-Euro-Haftung. Dem widersprechen viele Ökonomen: Mit Röslers angeblicher Nicht-Hebel-Konstruktion steige die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland die garantierten Milliarden verlieren wird. Denn nun werde das Geld gezielt genutzt, um die jeweils am stärksten ausfallgefährdeten Teile der an Euro-Wackelkandidaten ausgereichten Kreditsumme zu decken.

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          Ratlos lässt uns und andere auch die Kirche. Aus dem Vatikan kommt der Wunsch nach einer Weltzentralbank. “In einer zunehmend globalisierten Welt ist allein eine Weltautorität kompatibel mit der neuen Wirklichkeit und den Bedürfnissen der Menschen.“ Und der ehemalige evangelische Bischof Wolfgang Huber rät, mit „der Vergöttlichung des Geldes“ Schluss zu machen. „Der Säkularisierung des Staates muss die Säkularisierung des Geldes an die Seite treten“, forderte Huber jetzt in einer vermutlich kaum für Gotteslohn gehaltenen Dinner-Speach zwischen Simmenthaler Rind und Variation von Ashanti-Schokolade. Das von einem Versicherungskonzern auf den Petersberg geladene Auditorium applaudiert höflich bis ehrfürchtig. „Ich habe kein Wort verstanden,“ sagt einer hinterher.

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          Gibt es ein Leben jenseits des Euro? Für einen Wirtschaftsjournalisten derzeit kaum. Aber wir arbeiten daran. Und an unseren antiquierten „Präsenzritualen“. Woher wird das schicke Wort haben? Natürlich von der Bundesfamilienministerin. Mama Kristina Schröder hat ein interessantes Rezept für den unaufhaltsamen Aufstieg der Frauen gefunden: Sie sollen sich einfach rar machen am Arbeitsplatz, weniger präsent sein. Dann geht beides, Kind und Karriere. Selten so gelacht. Hallo Männer, wir sind zwar nicht da, aber wir kommen. Macht doch bitte schon mal oben Platz.

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