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Auf einen Espresso : Besser als gedacht

Bild: F.A.Z.

Manchmal ist die Lage besser, als man denkt. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie seien BMW-Chef. Eines Tages kommen die Buchhalter zu Ihnen und - Überraschung!

          Manchmal ist die Lage besser, als man denkt. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie seien BMW-Chef. Eines Tages kommen die Buchhalter zu Ihnen und sagen: Mensch, wir sind doch vor kurzem bei einem elektronischen Kartendienst eingestiegen, damit wir gute Computer-Karten für unsere Autos haben. Und, Mensch, da sind noch ein paar andere Firmen teurer eingestiegen. Wissen Sie was? Unser Anteil ist plötzlich 183 Millionen Euro mehr wert. Mensch, so was sollte einem doch häufiger passieren. Und nicht nur, wie vergangene Woche, dem BMW-Chef.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tatsächlich ist das nicht so schwer. Gucken Sie mal. Glauben Sie zum Beispiel, dass die Armut auf der Welt immer weiter wächst? Dass die Dritte Welt verelendet? Sie sind in guter Gesellschaft: Selbst auf Statistik-Websites glaubt mehr als die Hälfte der Besucher, dass die Armut gewachsen sei. Aber das Gegenteil ist der Fall, sagt Oxford-Ökonom Max Roser. „Zeitungen könnten die Überschrift haben: ,Seit gestern gibt es 137.000 extrem arme Leute weniger‘“, schreibt er. „Und das hätten sie jeden Tag in den vergangenen 25 Jahren machen können.“ Wir sind mal optimistisch und sagen: Vielleicht können wir diese Überschrift ja auch noch morgen machen. Oder in einem Jahr. Heute haben wir – leider – noch ein paar andere, die keine so guten Überraschungen waren.

          Deutschlands Wirtschaft zu stark?

          Machen Sie sich vielleicht nicht Sorgen um die Armut, sondern um Deutschland? Haben Sie Angst, dass morgen der Wohlstand weg ist? Damit gehören Sie zur Mehrheit der Deutschen. Vielleicht gehören Sie aber auch zur Mehrheit, die sagt: Mir selbst geht es gut. Vielleicht geht es uns tatsächlich gerade gar nicht so schlecht. Von außen betrachtet, sagt der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron: „Deutschlands wirtschaftliche Stärke ist in der jetzigen Ausprägung nicht tragbar.“ Deutschland verkaufe viel mehr Waren an andere Länder, als es dort kaufe. Donald Trump klingt ja ähnlich. Die beiden wünschen sich für ihre Länder ganz offensichtlich die Probleme, die die Deutschen haben.

          Sie sind ja nicht allein. In Washington mussten sich die Deutschen einiges anhören, auch von Christine Lagarde, der Chefin des Internationalen Währungsfonds. Deutschland solle mehr investieren. Und vor allem: mehr importieren. Wir könnten helfen. Gönnen wir uns etwas vom neu erworbenen Wohlstand. „Lieber das Bad renovieren als komplizierte Zertifikate kaufen“, riet Ökonom Hans-Werner Sinn vor fünf Jahren. Die Deutschen haben zugehört. Und sind ihm gefolgt. Jetzt gibt es keine Handwerker mehr. Haben Sie mal probiert, die Elektrik am Haus richten zu lassen? Oder einen Maler zu finden? Sehen Sie. Wenn es keine Elektriker mehr fürs Haus gibt – wie soll Wolfgang Schäuble dann Schulen bauen?

          In einer Umfrage gerade hat nur jeder zwanzigste Maler, Tischler, Schreiner oder Kollege gesagt, seine Geschäfte liefen nicht gut. Jeder zwanzigste. Die haben wahrscheinlich einen guten Grund dafür, dass ihr Geschäft nicht so gut läuft. Es ist ja sogar so, dass es in Deutschland nicht mal mehr genügend Postboten gibt. Die Paketdienste wissen auch nicht mehr, wo sie noch geeignetes Personal herkriegen sollen. O.K., jetzt wünscht sich vielleicht der DHL-Chef so eine positive Überraschung, wie sie der Kollege von BMW hatte. Aber die Postboten jedenfalls können sich freuen, dass ihr Arbeitsmarkt offenbar funktioniert.

          Aufs Finanzamt hoffen wir nicht

          Die positive Überraschung drückt sich dann vielleicht sogar irgendwann in Euro und Cent aus. Wenn die Paketdienste angesichts des Personalmangels höhere Gehälter zahlen. (Dass wir eine positive Überraschung vom Finanzamt bekommen oder sogar vom Finanzminister selbst in Form niedrigerer Steuern – das erwarten nicht mal wir. Diese Hoffnung halten wir nicht mehr für übermäßig realistisch.)

          Der Internationale Währungsfonds jedenfalls empfiehlt der Bundesregierung auch nicht in erster Linie Steuersenkungen. Wir sollten lieber die Dienstleistungen liberalisieren. Vielleicht gibt es in ein paar Jahren keinen Meisterzwang und ein paar zusätzliche Elektriker. Kaufen Sie sich aber in der Zwischenzeit lieber einen schönen französischen Rotwein. Fahren Sie dann nach Griechenland in den Urlaub. Oder umgekehrt. Da danken Ihnen nicht nur Emmanuel Macron und Alexis Tsipras, sondern auch Frau Lagarde vom Internationalen Währungsfonds.

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