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Auf einen Espresso : Zeitlos alt

Bild: F.A.Z.

Wenn der Mai alles neu macht, was ist dann mit dem September? Wenn die Lokführer schon wieder streiken und Apple nur eine Armbanduhr vorstellt?

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          Wenn der Mai alles neu macht, dann macht der September alles ... naja ... alt, halt. Die Deutschen sind aus dem Urlaub zurück, auf dem Weg zur Arbeit ist der Stau wieder da, die Feierabendjogger packen ihre Stirnlampen wieder aus, im Supermarkt gibt’s endlich wieder Lebkuchen, und sogar Apple präsentiert als sein tolles, innovatives, neues Produkt nur eine olle Armbanduhr.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber seien wir nicht unfair. Die Apple Watch ist eine ganz neue Technik, wie die Twitterer in Amerika feststellen. Zum ersten Mal kombinieren wir in Zukunft ein Handy, mit dem wir nicht telefonieren, mit einer Uhr, auf der wir nicht die Zeit ablesen. Der Kollege in Deutschland geht damit anders um: Er hat sich jetzt schon mit Kuli aufs Handgelenk geschrieben, was er künftig mit der Armbanduhr dort immer sehen wird: „Zu viele Mails, zu wenig Zeit.

          Dieses Gefühl kennen Sie auch nach Ihrem Urlaub, richtig? Oder arbeiten Sie bei Daimler und haben Sie sich Ihre Mails löschen lassen? Egal, wie Sie’s machen, die Arbeit fällt nicht weg. Wir Deutschen machen ja so viele Überstunden wie keine andere Nation in Europa, zumindest hat das die EU-Kommission ausgerechnet, und die Gewerkschaften haben sich gleich über den Stress an deutschen Arbeitsplätzen beschwert. Vergessen haben alle zu sagen, warum so viele Überstunden anfallen: Die Deutschen machen ja auch mehr Urlaub als die anderen.

          A propos Jahreszeiten: Liebe Flughäfen, liebe Bahn. Jetzt wäre die richtige Zeit, schon mal die Enteisungsanlagen für die Flugzeuge warten zu lassen und die Weichenheizungen zu überprüfen. Bevor die wieder im Winter ausfallen. Großartig stören würden solche Wartungen jetzt sowieso niemanden. Es gibt ja genügend Streiktage, an denen man das erledigen kann. Aber lasst uns nicht mehr an den Streik denken. Nicht mal der ist neu.

          Wollen wir unseren Euro mit den Schotten teilen?

          Neuer wird’s da schon in Großbritannien und vor allem in Schottland. Die Schotten könnten sich am Donnerstag dafür entscheiden, ihre Steuern und ihre Öleinnahmen in Zukunft selbst zu behalten. Die Währung dazu wollen sie aber weiterhin von Großbritannien bekommen. Ob die anderen Briten das mit sich machen lassen? Vielleicht behalten sie ihr Pfund auch. Wir könnten schon mal darüber nachdenken, ob wir mit den Schotten den Euro teilen wollen.

          Und dann war da noch die Personalie der Woche. In der neuen EU-Kommission, in der sowieso alle Zuständigkeiten doppelt bis vierfach vergeben sind, wird sich unser Günther Oettinger um das Internet kümmern. Also, er und Andrus Arsip aus Estland. Und Margrethe Vestager aus Dänemark auch. Was sagt Oettinger dazu? „Ich bin nicht happy, aber glücklich.“ Und er verspricht, dass er sich mit seinen 60 Jahren jetzt richtig ins Internet einarbeitet. Vielleicht wird Oettinger dann ja zu so einem Technik-Freak wie die 20-jährigen Amerikaner. Gar nicht undenkbar. Denn in Amerika gilt inzwischen: Je jünger die Leute sind, desto mehr Bücher lesen sie (egal ob gedruckt oder elektronisch). Zwar findet die amerikanische Jugend schon, dass man dank Internet Informationen leichter findet, aber sie sagt auch viel öfter als die älteren: Es gibt viele wichtige Informationen, die nicht im Internet stehen. Der richtige Technik-Kenner kennt halt auch die Grenzen der Technik und weiß, wann es genug ist.

          Dann ist es gar nicht so schlimm mit der neuen Technik. Nehmen wir die Smartwatch. Die kann man auch ablegen. Abseits von allem Spott über Apples neue Uhr hatte ich ja ein Resümee über die neue Smartwatch versprochen, die seit acht Wochen an meinem Handgelenk liegt. Tatsächlich lohnt sich das. Plötzlich nervt das Handy viel weniger, weil man nicht wegen jeder SMS das Telefon aus der Tasche klauben muss. Mit dem Ende der Urlaubszeit wurde es auch plötzlich sehr praktisch, dass die Uhr brummt, wenn auf dem Arbeitsweg Stau ist – so kann man die Ausweichstrecke nehmen. Und, was vielleicht am meisten Spaß macht: Endlich kann man in langweiligen Meetings demonstrativ alle zwei Minuten auf die Uhr gucken – und findet dort tatsächlich ein bisschen Abwechslung vor.

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