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Auf einen Espresso : Noch immer jot jejange?

Am Faschingsdienstag verstanden die Händler Spaß Bild: ddp

Die Stimmung der Deutschen ist besser als die Lage, sie setzen auf den rettenden Staat. In Amerika ist das Vertrauen der Regierung in die Banken nicht so groß: Diese wurden einem Stresstest unterzogen - frei nach dem Motto „schlimmer geht's immer“.

          Über Jahrzehnte hinweg ist den Deutschen vorgeworfen worden, ihre Stimmung sei schlechter als die Lage. „Jetzt ist es genau umgekehrt“, hat Hubertus Schmoldt, der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, in dieser Woche festgestellt: „Zurzeit ist die Stimmung sogar viel besser als die Lage.“ Das ist dann auch schon die positivste Nachricht aus den vergangenen sieben Tagen: Nicht auszudenken, was passierte, wenn jetzt auch noch die Stimmung kippte. Wenn sozusagen der ewige Aschermittwoch anbräche.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

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          Denn noch immer ist die Wirtschafts- und Finanzkrise im Leben der meisten Deutschen nicht wirklich angekommen. Nach den neuesten Messungen von Nürnberger Konsumforschern ist ihre Einkaufslaune sogar wieder gestiegen. „Es hätt noch immer jot jejange“, sagen zu einem solchen Phänomen die Kölner, passend zur zu Ende gegangenen Karnevalswoche, auch wenn auf den Wagen der Rosenmontagszüge die Krise durchaus eine große Rolle gespielt hat. Es hat noch Kamelle geregnet, nicht selten allerdings im Regen. Passender lässt sich die Lage kaum karikieren. Nur wer soll die Kamelle im weiteren Verlauf des Jahres werfen?

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          Der Staat. Denn nur er ist in den Augen vieler Menschen noch handlungsfähig. Schon wieder steht ein Wochenende der Krisensitzungen bevor. Immer sind es die Samstage und Sonntage. Denn wenn an den Börsen keine Aktien gehandelt werden, kann man sich in Ruhe zusammensetzen. Zum Beispiel, um die Allianz auf dem Wege der Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank von einem Mühlstein zu befreien. Oder um alle Kundeneinlagen auf den Konten deutscher Banken zu garantieren. Aber auch, um die ruinierte Münchener Bank Hypo Real Estate zu retten. An diesem Wochenende verschiebt sich der Blick. Es geht nicht um Banken und Finanzkonzerne, sondern um Industrieunternehmen, um den Autohersteller Opel und die Autozulieferer Schaeffler und Continental, die um ihre Existenz (Opel) oder ihre Liquidität (Schaeffler/Conti) kämpfen.

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          Denn an allen Ecken und Enden fehlt das Geld. Im Fall Opel wird es Gespräche mit den Ministerpräsidenten mit Opel-Standorten geben, die Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg koordinieren wird. Im Fall Schaeffler dürften die Banken, die dem Familienunternehmen die vielen Milliarden Euro zum Kauf des viel größeren Unternehmens Continental geliehen haben, in Marathonverhandlungen stehen. Denn längst wird am Schaeffler-Stammsitz in Herzogenaurach auf Tagesbasis überprüft, ob man die laufenden Zinsen von 70 Millionen Euro im Monat noch zahlen kann. Und es gibt nicht wenige Stimmen, die behaupten, das könne angesichts des katastrophalen Geschäfts mit Autoteilen nicht mehr lange funktionieren. Es fehlt das Vertrauen in die Zukunft.

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          Deshalb war der Aschermittwoch so wichtig: An jenem Tag haben die gar nicht jecken Amerikaner aus ihrem Finanzministerium eine E-Mail verschickt. Ihr Empfänger: die größten amerikanischen Banken. Ihr Inhalt: ein Stresstest. Mit seiner Hilfe will das Ministerium unter der Führung von Timothy Geithner herausfinden, wie die Bilanzen der jeweiligen Finanzinstitute auf eine weitere, deutliche Verschärfung der Krise reagieren würden. Deshalb beinhaltet die E-Mail einen langen Katalog von Fragen, den die Banken beantworten müssen. Was würde eine noch tiefere Rezession bedeuten? Noch weiter fallende Häuserpreise? Eine höhere Arbeitslosigkeit?

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          Die Konsequenzen, die sich aus den Antworten ableiten, können einschneidend sein. Denn sie können bis zu einer hohen Beteiligung des Staates an der jeweiligen Bank führen. Im günstigen Fall könnte dabei aber auch herauskommen, dass eine Bank sogar besser dasteht als gedacht. Gut wäre es, wenn auf diesem Weg endlich das fehlende Vertrauen in das Bankensystem wiederkehren würde. Das wäre wichtiger als alle Konjunkturprogramme, Überbrückungshilfen, Bürgschaften oder Kamelle zusammen, die von der Politik derzeit geworfen werden, um das Vertrauen der Menschen wenigstens in ihre Handlungsfähigkeit zu bestätigen.

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