https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/auf-arbeitssuche-europas-jugend-macht-mobil-11857230.html

Auf Arbeitssuche : Europas Jugend macht mobil

Junge Südeuropäer verlassen auf der Suche nach Arbeit ihre Heimat. Davon profitieren alle.

          3 Min.

          Ihr Gepäck ist die Hoffnung auf eine bessere Zukunft: Um dem wirtschaftlichen Elend in Südeuropa zu entkommen, kehren immer mehr junge Spanier, Griechen und Portugiesen ihrer Heimat den Rücken. Das Ziel der Reise heißt mittlerweile in vielen Fällen Deutschland - jenes Land, das nach fünf Jahren Euro-, Wirtschafts- und Finanzkrise als einziges in Europa eine geringere Jugendarbeitslosigkeit aufweist als zuvor. In Deutschland gelten derzeit acht Prozent der jungen Leute unter 25Jahren als arbeitssuchend. Im Durchschnitt der EU beträgt die Quote deutlich mehr als 20 Prozent.

          Noch sind die Wanderungsströme überschaubar, doch sie schwellen an. Europas Jugend macht mobil. Das ist ein gutes Zeichen, spricht die Entwicklung doch dafür, dass sich Angebot und Nachfrage auf dem europäischen Arbeitsmarkt allmählich ausgleichen. Natürlich erscheint die Abwanderung aus Sicht der Südeuropäer zunächst bedrohlich. Politiker geraten unter erheblichen Druck, wenn sie einerseits steigende Arbeitslosenquoten verkünden müssen und andererseits nicht erklären können, wie möglichst rasch neue Arbeitsplätze entstehen sollen, um die junge Generation im Land zu halten.

          Jugendarbeitslosigkeitsquoten von 50 Prozent in Spanien und Griechenland

          Doch auch wenn sie es nie offen zugeben würden, sind Politiker durchaus dankbar, wenn Auswanderung dazu beiträgt, den innenpolitischen Druck zu mindern. Zwar bedeuten Jugendarbeitslosigkeitsquoten von 50 Prozent in Spanien und Griechenland nicht, dass jeder Zweite unter 25 Jahren desillusioniert auf der Straße rumlungert. Die Quoten beziehen sich - wie für alle Altersklassen - auf diejenigen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Da gerade unter jungen Leuten der Anteil derjenigen hoch ist, die studieren oder eine Ausbildung machen, ist der Wert bezogen auf alle jungen Leute kaum halb so hoch.

          Es wäre jedoch gefährlich, das Problem kleinzureden. Schließlich drücken viele Jugendliche länger die Schulbank oder besuchen eine Universität, weil sie keine Arbeit finden können. Häufig handelt es sich also um eine Ausweichbewegung in das Bildungssystem. Und auch wenn „nur“ jeder vierte oder fünfte Jugendliche keinen Arbeitsvertrag hat, so enthält die Perspektivlosigkeit genügend soziales Konfliktpotential, um Regierungen ins Straucheln zu bringen.

          Vergleichweise gute Berufsperspektiven für junge Leute in Deutschland

          In Deutschland wiederum ist nicht alles Gold, was in der Statistik glänzt. Sie erfasst nicht die Tausenden jungen Leute, die in staatlich finanzierten Einrichtungen auf den Beginn einer Ausbildung vorbereitet werden. Zudem trübt sich die Konjunktur ein, die Unternehmen werden bei Neueinstellungen zurückhaltender. Die langfristigen Aussichten ändern dies jedoch nicht. Die Berufsperspektiven für junge Leute sind in Deutschland noch so gut wie in keinem anderen Land Europas. Die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Unternehmen ist hoch. Gleichzeitig müssen wegen der Alterung der Belegschaften kontinuierlich neue Arbeitskräfte ausgebildet und angeworben werden. Immer mehr Ältere scheiden aus dem Berufsleben aus, immer weniger Jüngere kommen nach. In Ostdeutschland, das wegen des Geburtenknicks nach der Wende eine demographische Vorreiterrolle einnimmt, wird schon um Auszubildende aus Polen geworben.

          Abwanderung ist keine Einbahnstraße. Viele Arbeitssuchende sind sich anfangs im Unklaren, ob sie für immer auswandern oder früher oder später in die Heimat zurückkehren wollen. Oft entscheiden private Umstände darüber, ob der Lebensmittelpunkt auf Dauer verlagert wird. Die Erfahrung zeigt, dass viele Auswanderer zurückkehren, sobald sich die wirtschaftliche Lage in der Heimat gebessert hat. Etwa die vielen Polen, die von der Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU Gebrauch machten und an dem wirtschaftlichen Erfolg Großbritanniens und Irlands teilhatten. Als dort die Wirtschaft nach 2008 einbrach, hielten einige ihrer Wahlheimat die Treue, andere kehrten nach Polen zurück. Dort wächst die Wirtschaft mittlerweile stärker als in jedem anderen Land der EU. Die Rückkehrer tragen mit ihrem neuen Wissen maßgeblich zum neuen Wohlstand bei.

          Hier liegt die große Chance der (Süd-)Europäer in der aktuellen Malaise. Anstatt in den Hauptstädten von Athen bis Lissabon über kurzfristige Beschäftigungsprogramme nachzudenken, sollte das nationale Arbeitsrecht reformiert werden. Spanien und Italien, das ähnliche Probleme hat, haben zwar guten Willen gezeigt, aber die Ansätze sind gerade im Falle Italiens bestenfalls halbherzig. Ob es um den hohen Kündigungsschutz für Ältere oder um die Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse geht - verkrustete Strukturen gibt es viele.

          Unbedingt sinken muss der Anteil der Jugendlichen, die über keine oder nur eine geringe Berufsqualifikation verfügen. Das deutsche duale Ausbildungssystem steht derzeit nicht ohne Grund weltweit im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Neben einer auf langfristiges Wachstum ausgerichteten Wirtschafts- und Steuerpolitik braucht Südeuropa jetzt energische Reformen am Arbeitsmarkt. Nur so können die Länder von Griechenland bis Portugal darauf hoffen, im nächsten Aufschwung nicht nur rückkehrwillige Auswanderer anzulocken, sondern womöglich selbst zum Anziehungspunkt zu werden für Arbeitssuchende aus aller Welt.

          Sven Astheimer
          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Weitere Themen

          Faul oder frei?

          FAZ Plus Artikel: Generation Z : Faul oder frei?

          Die rätselhafte Generation Z: Was bleibt von den Vorurteilen über ihre Arbeitsmoral und ihre Zukunftsängste übrig, wenn man genauer hinsieht?

          Topmeldungen

          Hat sichtlich Spaß: Joe Biden während seiner Rede zur Lage der Nation vor dem amerikanischen Kongress.

          Rede zur Lage der Nation : Bidens gezielte kleine Hiebe

          In seiner Rede zur Lage der Nation schlägt US-Präsident Joe Biden versöhnlichere Töne gegenüber den Republikanern an. Und hört sich an wie ein künftiger Präsidentschaftskandidat.
          Der russische Präsident Wladimir Putin wägt einen Goldbarren: Russland hat zuletzt 3,6 Tonnen Gold verkauft.

          200 Millionen Dollar : Wladimir Putin greift die Goldreserven an

          Russland verkauft Gold im Wert von mehr als 200 Millionen Dollar. Damit sollen Löcher im Haushalt gestopft werden. Wie geht das überhaupt angesichts der Sanktionen des Westens?
          Schüler sitzen in einem Skilift.

          Kleinkind missbraucht? : Vater erhebt Vorwürfe gegen Skischule

          Der Vater eines Dreijährigen hat Missbrauchsvorwürfe gegen die Betreuungseinrichtung einer Skischule in Österreich erhoben. Der Junge soll sich auffällig verhalten haben. Auch andere Eltern sollen sich gemeldet haben.
          Arbeit ist nicht alles – nicht nur vor diesem Café in Berlin.

          Generation Z : Faul oder frei?

          Die rätselhafte Generation Z: Was bleibt von den Vorurteilen über ihre Arbeitsmoral und ihre Zukunftsängste übrig, wenn man genauer hinsieht?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.