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Hochqualifizierte Flüchtlinge : Ingenieure statt Taxifahrer

Deutschkurs an der Universität in Vechta (Niedersachsen). Bild: dpa

Auch für hochqualifizierte Flüchtlinge ist der Weg in Arbeit steinig. Der Taxi fahrende Ingenieur und die putzende Psychologin sind keine Mythen. Sind die Zuwanderer selbst dafür verantwortlich?

          Die Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt ist schon lange eine wichtige Aufgabe, ein Selbstläufer war sie freilich auch vor dem jüngsten Flüchtlingsandrang nicht. Lange wollte man nicht wahrhaben, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist - weshalb es nun allenthalben an Strukturen, Maßnahmen und Programmen fehlt, die für eine schnelle Integration gebraucht würden. In Zeiten, in denen so viele Menschen nach Deutschland kommen, wird dies besonders schmerzlich offenbar.

          Das zeigt sich auch in der Bildung, dem wichtigsten Schlüssel zur Integration. Zwar schaffen manche Schulen, einen großen Teil der Flüchtlinge, sogar Analphabeten, zum Schulabschluss und in eine Berufsausbildung zu bringen. Doch das gelingt bisher nur wenigen, und es wird Jahre dauern, bis deutlich mehr Schulen über solche Fertigkeiten verfügen.

          Ein starker Engpass sind die geringen Kenntnisse vieler Lehrer in Deutsch als Zweitsprache und im Unterrichten heterogener Klassen. Leider sind diese Themen im Lehrerstudium immer noch nicht richtig angekommen - obwohl Fachleute schon lange auf ihre große Bedeutung hinweisen.

          Mit Blick auf eine Gruppe von Zuwanderern schmerzte es besonders, wenn viele den Weg in eine qualifizierte Beschäftigung nicht fänden. Gemeint sind die, die schon recht viel Bildung mitbringen: die lange zur Schule gegangen sind, die eine Hochschule besucht und womöglich abgeschlossen haben. Diese vermutlich gar nicht so kleine Gruppe hat in der Regel bisher zwar weniger gelernt als Gymnasiasten, Studenten und Akademiker, die in Deutschland ausgebildet wurden. Doch sie bringt wichtige Voraussetzungen für einen erfolgreichen Bildungsweg mit: Sie ist es gewohnt zu lernen und will etwas erreichen, schließlich hat sie in ihren Ländern zur gebildeten Schicht gehört.

          Hohe systematische Hürden

          Trotzdem ist es nicht ausgemacht, dass selbst Zuwanderer mit diesen günstigen Voraussetzungen in einer höher qualifizierten Beschäftigung landen werden. Das zeigen die Erfahrungen der ausländischen Akademiker, die schon vor Jahren - meist aus persönlichen Gründen - gekommen sind. Mindestens ein Drittel arbeitet unterhalb der Qualifikation, nicht wenige sogar weit darunter; mit deutschem Abschluss kommt das hingegen kaum vor.

          Der Taxi fahrende Ingenieur und die putzende Psychologin sind keine Mythen. Wer meint, daran seien die Ausländer selbst schuld, macht es sich zu einfach. Denn auch gebildete Zuwanderer müssen hohe systematische Hürden überwinden, es sei denn, sie wandern als Fachkräfte mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche ein.

          Die anderen müssen viel Hartnäckigkeit mitbringen, um entsprechend ihrer Kompetenzen und Potentiale in die Bildungseinrichtungen und dann auf den Arbeitsmarkt zu finden. Sie müssen richtig gut Deutsch lernen, um zum Beispiel (weiter-)studieren zu können. Sie müssen prüfen lassen, was ihre Abschlüsse hierzulande wert sind - und sich wahrscheinlich nachqualifizieren. Sie brauchen finanzielle Unterstützung. Und sie müssen sich im recht komplizierten deutschen Bildungssystem zurechtfinden.

          Für Asylbewerber ist es besonders schwer

          Für Flüchtlinge ist es besonders schwer. Viele warten immer noch lange, bis ihre Asylverfahren abgeschlossen sind. Zwischenzeitlich leben sie in großer Unsicherheit: Dürfen sie bleiben, lohnt sich die Anstrengung überhaupt? Während des Verfahrens wohnen sie in Gemeinschaftsunterkünften, in denen das Lernen schwerfällt.

          Bis sie Deutsch lernen dürfen, kann viel Zeit verstreichen. Keinesfalls gesichert ist, dass sie einen Kurs besuchen können, der ihnen einen Spracherwerb auf hohem Niveau vermittelt. Im neuen Integrationsgesetz steht zumindest, es solle mehr und frühere Integrationskurse geben. Da ist der Realitätstest aber noch abzuwarten.

          Fachleute haben viele Vorschläge gemacht, wie man gerade auch die höher Qualifizierten besser in Bildung bringt. Ganz vorne steht die Forderung nach schnellen Asylverfahren und dem Zugang zu sehr guten Deutschkursen. Außerdem brauchten die Zuwanderer eine schnelle Orientierungshilfe, unkompliziertere Anerkennungsverfahren, finanzielle Sicherheit und passgenaue Angebote der Hochschulen, zum Beispiel mehr Plätze in Studienkollegen.

          Abbrecherquoten weit unterdurchschnittlich

          Viele Hochschulen haben schnell auf die Flüchtlinge reagiert und Schnupperstudien angeboten. Nun sind mehr Maßnahmen gefragt, die in ein richtiges Studium führen, was in vielen Fällen eine intensive Beratung und Unterstützung voraussetzt. Ein paar Hochschulen sind auf diesem Weg schon gut vorangekommen.

          Sehr effizient ist die passgenaue Nachqualifizierung von Akademikern mit ausländischem Abschluss. Wie das gelingt, haben die Universitäten Duisburg-Essen und Regensburg mit dem Programm „Pro Salamander“ vorgemacht, das nun „On Top“ heißt.

          Die Teilnehmer studieren nur, was ihnen noch fehlt, und erhalten viel Hilfe: vom Deutschkurs über Coachings und die Vermittlung von Praktika bis zum Mentoring. Nach nur zwei bis vier Semestern schaffen sie den Abschluss, die Abbrecherquoten sind weit unterdurchschnittlich. Die Motivation der Teilnehmer ist sehr hoch - das Arbeiten unterhalb ihrer Qualifikation haben viele als Qual empfunden.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

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