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Wohin mit nuklearem Abfall? : Aufatmen in Gorleben – Quertreiben in Bayern

Arbeitsmaschinen stehen im Erkundungsbergwerk Gorleben hinter einer Absperrung. Bild: dpa

Die Endlagersuche soll eigentlich streng wissenschaftlich ablaufen und zu einem gemeinsamen Beschluss führen. Doch schon der erste Zwischenbericht sorgt für jede Menge Streit.

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          Bergbaufolgen können auch ihr Gutes haben. Das Ruhrgebiet leidet unter dem Ende der Steinkohleförderung, unter den wirtschaftlichen und ökologischen Hinterlassenschaften und generell unter einem gewaltigen Strukturwandel. Aber zumindest eines wird der gebeutelten Region erspart bleiben: dass hier ein Endlager für hochradioaktive Abfälle entsteht.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Der an diesem Montagvormittag vorgestellte Zwischenbericht der Bundesgesellschaft für Entsorgung (BGE) stellt fest, dass das Ruhrgebiet als Standort nicht geeignet sei – weil es dort zu viele ehemalige Bergwerke gebe, die die geologische Stabilität beeinträchtigten. Diese Stabilität aber ist unverzichtbar, denn der Atommüll soll auf eine Million Jahre sicher verwahrt werden. Und das in 300 Metern Tiefe unter einer mindestens 100 Meter mächtigen Schicht aus Salz-, Ton- oder kristallinem Gestein, etwa Granit.

          Deshalb darf das Areal weder von Vulkanismus noch von Erdbeben gefährdet sein, und eben auch nicht durch Schächte und Stollen. 90 so genannte Teilgebiete hat die BGE ausfindig gemacht, die für die Einlagerung theoretisch in Frage kommen. Mehr als die Hälfte der Landmenge im Bundesgebiet sei geeignet, von den Flächenländern steht nur das Saarland nicht auf der Liste.

          Gorleben scheidet aus

          Nicht nur dort und im  Ruhrgebiet sind viele erleichtert, Genugtuung gibt es auch im Wendland. Denn der seit den Siebzigerjahren heftig umkämpfte Salzstock im niedersächsischen Gorleben ist seit heute auch aus dem Rennen. Nicht wegen der politischen Widerstände, die sich unter anderem in Blockaden und Besetzungen entladen hatten, sondern allein aus geologischen Erkenntnissen, wie man bei der BGE versichert. Unter anderem sei das Deckgebirge im Salzstock nicht intakt, auch die Gewässerchemie sei ungünstig.

          Genau das ist der Unterschied des neuen Verfahrens zur Endlagersuche, genau das ist es, was den neuen Ansatz von der „Gorleben-Phase“ abheben soll: dass die Suche unvoreingenommen und streng wissenschaftlich erfolgt, nicht wie damals politisch. Auch sind heute nicht die Bundesländer federführend wie seinerzeit Niedersachsen unter Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU), dem Vater Ursula von der Leyens.

          Diesmal hat sich Berlin – im Einklang mit den Ländern – die Entscheidung gesichert, so dass alle Phasen von Bundesgesetzen begleitet werden, angefangen mit dem Standortauswahlgesetz von 2017, das die Grundlage für die Arbeit der BGE bildet. 2031 soll die genaue Lage der unterirdischen Deponie gesetzlich festgelegt werden, von 2050 an wird das Lager befüllt und dann 2090 oder noch später verschlossen.

          Und noch etwas ist anders als früher: die Öffentlichkeit soll zu jedem Zeitpunkt in die Suche eingebunden werden. Zum einen über ein „Nationales Begleitgremium“ aus Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, das der BGE jetzt schon genau auf die Finger schaut. Zum anderen über Fach- und Regionalkonferenzen für interessierte Bürger, von denen die erste am 18. Oktober in Kassel stattfindet. Kontrolliert wird die Arbeit auch von einer Aufsichtsbehörde, dem Bundesamt für die Sicherheit der Nuklearen Entsorgung (BASE), das regelmäßige Zwischenbescheide erstellt. Dagegen kann geklagt werden, genauso wie gegen die endgültige Standortfestlegung in elf Jahren.

          27.000 Kubikmeter hochradioaktives Material

          Worum aber geht es genau bei der Entsorgung? Auf den ersten Blick um gar nicht so viel Abfall, aber der hat es in sich und ist im Wortsinne hochbrisant. Wenn Ende 2022 in Deutschland die letzten Kernkraftwerke vom Netz gehen, werden insgesamt 27.000 Kubikmeter hochradioaktiver Stoffe angefallen sein, zumeist abgebrannte Brennelemente. Sie passen in 1900 Castor-Behälter und brauchen eine Lagerstätte, die mindestens 30 mal 30 mal 30 Meter groß ist. Es geht lediglich um zehn Prozent des gesamten deutschen Atommülls, aber sie sind für 99 Prozent der Strahlung verantwortlich. Für die schwach- bis mittelradioaktiven Abfälle – etwa aus Forschung und Medizin – ist die Endlagerfrage schon entschieden. Sie kommen im Schacht Konrad bei Salzgitter unter, der 2027 in Betrieb gehen wird.

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