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Atomkraftwerke : Der Rest vom Risiko

  • -Aktualisiert am

Das Energiekonzept der Regierung hatte nicht einmal ein halbes Jahr Bestand. Jetzt wird ein utopisches Sicherheitsdenken geschürt. Das hilft nicht weiter. Verantwortliche Politik besteht darin, ehrliche Preise zu nennen für den schnelleren Verzicht auf Kernkraft.

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          Wer aussteigt, muss einsteigen, sagt Bundesumweltminister Norbert Röttgen. So arbeitet die schwarz-gelbe Bundesregierung nun daran, ein Energiekonzept für Deutschland zu entwerfen, das schneller ohne Kernkraft auskommt als das alte, das kein halbes Jahr Bestand hatte. Allerdings hängt der neue Plan entscheidend vom Ergebnis der neuen Risikobewertung für die deutschen Kernkraftwerke ab, für die sich die Politik drei Monate Zeit verschafft hat. In diesem Vierteljahr geht es aber weniger um eine wissenschaftlich objektive Sicherheitsbewertung der Meiler, sondern darum, das „Restrisiko“ auszuloten, das den Bundesbürgern nach der Reaktorkatastrophe in Japan politisch noch vermittelbar ist.

          Je schneller dabei der Wunsch nach möglichst absoluter Sicherheit mit der ökonomischen Wirklichkeit in Einklang gebracht wird, desto besser. Derzeit wird ein utopisches Sicherheitsdenken geschürt, das deutsche Kernkraftwerke am liebsten für Satellitenabstürze, Meteoriteneinschläge oder Erdbeben vom japanischen Ausmaß geschützt sähe. Das hilft nicht weiter, es wäre das unverzügliche Aus für alle Reaktoren. Das ist unbezahlbar. Verantwortliche Politik besteht darin, ehrliche Preise zu nennen für den schnelleren Verzicht auf Kernkraft.

          Offenheit erschöpft sich dabei nicht in der über den Daumen gepeilten Abschätzung künftiger Stromkosten. Umfragen nach dem Muster „Würden Sie 15 bis 30 Euro mehr für kernkraftfreien Strom bezahlen?“ gehen an der Sache vorbei. Richtig gestellt, lautet die Frage: Würden Sie zusätzlich zu höheren Stromkosten akzeptieren, dass die notwendigen Hochspannungstrassen an ihrem Vorgarten vorbeiführen, ein Gas- oder Kohlekraftwerk den freien Blick verstellt, das bevorzugte Naherholungsgebiet zum Lager für ausgeschiedenes Kohlendioxid umgewidmet und der idyllische Bergsee am Feriendomizil zum Energiespeicher ausgebaut wird? Und zwar all dies, ohne echten Zugewinn an Sicherheit vor Reaktorunfällen. Den gibt es in Deutschland nicht, solange zahlreiche Meiler hinter den Grenzen mit geringeren Anforderungen weiterbetrieben werden.

          Als erster beginnt der Bundeswirtschaftsminister Klartext zu reden. Rainer Brüderle vergleicht in seinen „Eckpunkten für den beschleunigten Netzausbau“ die Herausforderung mit dem Aufbau der Infrastruktur nach der Wiedervereinigung. Das rückt das Vorhaben in die richtige Perspektive. Solche Klarheit lässt Röttgen noch vermissen. Doch mit welchem Rest von Risiko sich der Bürger arrangiert, hängt davon ab, ob er den wahren Preis für mehr Sicherheit überhaupt erfährt.

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

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