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Atomkraftwerk : Adieu Fessenheim

Kernkraftwerk Fessenheim wird am Samstag abgeschaltet. Bild: AFP

An diesem Samstag wird der erste Reaktor von Frankreichs ältestem Kernkraftwerk für immer heruntergefahren. Wer nun vermutet, der deutsche Atomausstieg habe das Nachbarland angesteckt, irrt allerdings.

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          Mit Fahrrädern waren sie gekommen, mit Kinderwagen und mit Transparenten. Die erste Demonstration gegen das Kernkraftwerk Fessenheim am Oberrhein fand 1971 statt, sechs Jahre vor der Inbetriebnahme. Die Atomkraftgegner konnten den Bau an der deutsch-französischen Grenze nicht verhindern, doch nun tragen sie einen späten Sieg davon. An diesem Samstag wird der erste Reaktor von Frankreichs ältestem Kernkraftwerk für immer heruntergefahren. Ende Juni folgt der zweite, womit der Standort ganz schließen wird.

          Wer nun vermutet, der deutsche Atomausstieg habe das Nachbarland angesteckt, irrt allerdings. Fessenheim wird mehr wegen des langen deutschen Drängens abgeschaltet als wegen französischer Ausstiegslust. Frankreich hat in der Welt den höchsten Atomanteil an der Stromerzeugung – mehr als 70 Prozent. Schrittweise soll er auf 50 Prozent sinken, doch dafür lässt man sich 15 Jahre Zeit, wenn die aktuelle Planung überhaupt eingehalten wird. Die Maxime lautet, sich die gute Kohlendioxidbilanz nicht verderben zu lassen.

          Europas größter Stromexporteur

          Kein Atomkraftgegner, der hochnäsig über die französische Energiepolitik den Stab bricht, sollte diesen Vergleich vergessen: Je Einwohner stößt Frankreich nur gut halb so viel CO2 aus wie Deutschland – und das, obwohl die Franzosen nicht weniger mit dem Auto fahren als die Deutschen und gleichzeitig in schlechter isolierten Häusern und Wohnungen leben. Den Unterschied macht die Stromerzeugung. Nur 0,3 Prozent kam 2019 aus der Kohleverstromung. Neben der Nuklearenergie sind die Wasserkraftwerke in den Bergregionen mit 11 Prozent eine wichtige Quelle. Sie produzieren mehr Strom als Gaskraftwerke (7 Prozent), Windräder (6 Prozent) und Solaranlagen (2 Prozent).

          Die Kern- und Wasserkraftwerke sind längst abgeschrieben und erlauben eine preisgünstige Stromerzeugung. Laut Eurostat genießt ein mittelgroßer Haushalt in Frankreich einen Preis von 17 Cent pro Kilowattstunde; in Deutschland sind es 75 Prozent mehr. Ohne Steuern und Abgaben liegt der deutsche Strompreis immer noch knapp 30 Prozent höher. Sicherlich: Die wahren Kosten der Nuklearenergie spiegeln diese Preise nicht wider. Der marktbeherrschende Energieproduzent Electricité de France (EdF) müsste mehr Rückstellungen für den nuklearen Abfall und den Rückbau der Anlagen vornehmen; die vom Staat mitfinanzierte Forschung schlägt sich in den Preisen auch nicht vollständig nieder. So hinken alle Preisvergleiche. Doch Fakt ist, dass Frankreich eine stabile Energieversorgung hat, die im Lande relativ unumstritten ist. Durch die günstigen Preise und die hohe Auslastung seiner Kraftwerke ist das Land Europas größter Stromexporteur.

          Dennoch steht auch die französische Energiepolitik vor großen Herausforderungen. Noch können etliche der alten Kernkraftwerke länger betrieben werden als anfangs gedacht. Doch bald müssen sie aufwendig modernisiert oder durch neue Reaktoren ersetzt werden. Der Bau neuer Atommeiler sprengt indes die Budgets und die Zeitplanungen wie nie zuvor. Die Baustelle von Flamanville in der Normandie, wo der einst von Siemens mitentwickelte Druckwasserreaktor EPR-3 errichtet wird, ist heillos verspätet und überteuert. Die Nuklearenergie aus neuen Reaktoren ist ein kostspieliges Abenteuer geworden. Allein schon deshalb will Frankreich die erneuerbaren Energien ausbauen.

          Kosten nicht im Griff

          Sehr weit ist man allerdings nicht gekommen. Trotz der langen Meeresküsten hat Frankreich nicht ein einziges Windrad im Meer errichtet. Vor den britischen Küsten sind es Tausende. Anrainer bremsen die Projekte, und die Regierung macht nicht genügend Druck. Mangelnde Dynamik ist das größte Manko der französischen Energiepolitik. Im Zentrum davon steht der staatliche Erzeuger EdF. Wettbewerber haben ihm bisher nur überschaubare Marktanteile abgenommen. Alle 58 Kernkraftreaktoren und 80 Prozent der Wasserkraftwerke darf er betreiben, ohne dafür jemals eine Ausschreibung gewonnen zu haben. Die Konkurrenten müssen ihren Strom bei EdF einkaufen. Auf dem Papier ist das Unternehmen kein Monopolist mehr, doch er agiert immer noch selbstherrlich wie ein solcher. EdF ist weiterhin tief von der Nuklearkultur geprägt und will stur an den Export glauben. Dabei stagniert die Zahl der weltweiten Kernkraftwerke seit Mitte der neunziger Jahre.

          Die Industrie hat die Kosten für neue Atomanlagen nicht im Griff. Gleichzeitig werden die erneuerbaren Energien immer billiger. Das zeigt, dass die Nuklearenergie nur eine Brückentechnologie sein kann, bis sauberer Strom und die Speichertechniken wirklich reif sind. Doch Kernenergie schont das Klima, insofern bleibt sie vorerst ein fester Bestandteil der französischen Energiepolitik. Das leuchtet ein.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

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