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Nachhaltig bauen : Der hölzerne Turm von Sydney

Gärten in 180 Meter Höhe: Der Atlassian-Turm in Sydney soll neue Maßstäbe setzen, nicht nur durch das Baumaterial Holz. Bild: AFP

Die Daten-Milliardäre von Atlassian wollen mit dem höchsten „Hybrid Tower“ der Welt über Australien hinaus ein Zeichen setzen.

          3 Min.

          Im richtigen Leben verdienen Mike Cannon-Brookes und Scott Farquhar ihr Geld in der digitalen Welt. Und das nicht zu knapp: Die beiden Australier haben einen der Aufsteiger des Jahrzehnts gegründet, die Softwareschmiede Atlassian, gerade neun Jahre alt und notiert an der Börse in New York. Cannon-Brookes, 40 Jahre alt und rund 12 Milliarden Dollar schwer, und der gleichaltrige und etwa gleich reiche Farquhar mischen den Fünften Kontinent auf:

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Unüberhörbar plädieren sie für die grüne Wende „Down Under“, arbeiten an Batterie-Projekten auch mit Tesla-Gründer Elon Musk und wollen Australien zu einer Wissensgesellschaft umbauen. Auf seine Art scheint das Duo das 2018 abgeschaffte Google-Motto „don’t be evil“ öffentlich zu leben. Nun setzen sie ein nicht zu übersehendes Zeichen: Als Hauptquartier für 4000 Mitarbeiter von Atlassian soll hinter dem alten Bahnhof von Sydney der höchste „Hybrid Tower“ der Welt heranwachsen.

          Umzingelt von den renovierten Terrassenhäusern von Künstlern, Designern und Professoren, die die Gentrifizierung vorantreiben und für den Umbruch sorgen, liegt das Viertel ein wenig vergessen da: der Bahnhof und der untere Teil der George Street, ein paar Absteigen, die Stationen der Überlandbusse von Greyhound und Murray’s, das brummende Schwulen-Viertel Surry Hills auf der einen, Redfern, wo noch viele Aborigines ihre Heimat haben, auf der anderen Seite.

          „Ein Zweckbau für die Zukunft der Arbeit“

          Nun aber wird das Dreieck im Stadtzentrum aufgerollt werden. Und das zu Zeiten, in denen die Preisbremse Corona und die für Einwanderer nun geschlossenen Grenzen auf dem Immobilienmarkt lasten: In Sydney dürften 16 Prozent der Apartments leer bleiben, nach nur rund 4 Prozent in den vergangenen Jahren. Die Bauanträge für Apartments lagen im Mai 35 Prozent unter Vorjahr.

          Der Atlassian-Turm wird einen der letzten noch unterentwickelten Teile der Pazifik-Metropole von Grund auf verändern. Das liegt nicht nur an den Mitarbeitern, die über Aktienoptionen die Chance haben werden, reich zu werden und in der Umgebung schick zu wohnen. Sondern schon am Bau selbst. Die New Yorker Architekten SHoP (Sharples Holden and Pasquarelli) und ihre australischen Kollegen von BVN, erfahren in Holzbauten, wollen hier auf 40 Stockwerken eine Software-Fabrik schaffen, die ausschließlich von erneuerbaren Energien unter Dampf gehalten wird.

          Die Architektur soll „Mitarbeiter einladen, ihre beste Leistung abzurufen“.

          „Wir werden einen Raum schaffen, der sehr nachhaltig und sehr flexibel sein wird – es wird ein Zweckbau für die Zukunft der Arbeit, für die Welt von morgen, nicht für die heutige“, sagt Farquhar. Natürlich sind Solarpaneele und Fensterläden, die sich automatisch nach der Einstrahlung der intensiven Sonne ausrichten, Teil des Baus. Vor allem aber wird der Turm aus vorgefertigten Holzteilen errichtet, die helfen sollen, den Treibhausgas-Abdruck des Atlassian-Baus zu verringern.

          Bürogebäude als „Stellenanzeige“

          Damit wird er zu einem weiteren Meilenstein der Hybrid-Technik. Von Japan bis Holland übernehmen sie immer mehr Bauherren – in der Architektur-Metropole Rotterdam soll ein 140 Meter hoher Hybrid-Turm mit großem Holzanteil vom nächsten Jahr an errichtet werden. Läuft alles nach Plan, wird er in fünf Jahren eröffnet werden. Noch in diesem Jahr soll der – bei seiner Ankündigung 2017 – mit 19 Stockwerken höchste Holz-Hybrid von Shigeru Ban in Coal Harbour im kanadischen Vancouver fertig werden.

          Der Turm im neuen Technikviertel Sydneys soll 180 Meter hoch werden, eine Fassade aus Stahl und Glas und Außengärten alle vier Stockwerke bieten. Cannon-Brookes und Farquhar wären nicht, wer sie sind, würde nicht in den unteren Etage die Jugendherberge am Bahnhof Einzug halten – sie böte für die üblichen „Hackatons“, die Atlassian ausrichtet, um Stellenbewerber zu filtern, gleich die passende Übernachtungsmöglichkeit.

          „Bürohäuser müssen Gebäude sein, die ihre Mitarbeiter einladen, ihre beste Leistung abzurufen. Sie sind eine Stellenanzeige“, sagt Farquhar. Mit Blick auf die durch Corona veränderten Arbeitsbedingungen fügt er an: „Wir haben jetzt die Möglichkeit, vielleicht das erste Gebäude Sydneys zu bauen, das auf neue Art für eine so weit verteilte Mannschaft errichtet wird.“

          Rekordpreise für die Stadt

          Der neue Turm der Gründer steht im architektonischen Wettbewerb mit anderen spektakulären Hochbauten der Metropole: Der Milliardär James Packer baut einen 271 Meter hohen Casinotower für Crown-Resorts in Barangaroo, am früheren Hafen.

          Und der deutsche Baumeister Christoph Ingenhoven, der in Singapur ein braun-schwarzes Monstrum in die Tropen gepflanzt hat, arbeitet an 505 George Street, dem mit 270 Metern höchsten Wohnturm Sydneys, einen Spaziergang vom Atlassian-Turm entfernt. Der Bau aus sandfarbenem Beton mit 79 Stockwerken auf einem elliptischen Grundriss soll in vier Jahren eröffnet werden.

          Werden die beiden Gründer Erfolg haben? Mut und Entschlossenheit jedenfalls besitzen sie. Mit ihren Millionen kauften sie erst vor kurzem zwei der spektakulärsten Villen Sydneys: Für 50 und 70 Millionen australische Dollar (31 und 43 Millionen Euro), Rekordpreise für die Stadt, wurden sie und ihre Familien direkte Nachbarn in Anwesen mit Blick über die Bucht. Von einem Streit über den Gartenzaun wurde bislang nicht berichtet.

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