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Kritik an der Impfkampagne : „Fast vier Millionen Impfdosen liegen ungenutzt herum“

Die deutsche Impfkampagne nimmt nicht so richtig Fahrt auf. Bild: dpa

Wo sich die riesigen Lagerbestände der Länder befinden, ist unklar – während Hausärzte auf dem Trockenen sitzen. Ein Fachmann macht eine brisante Rechnung auf.

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          Es könnten viel mehr Personen gegen Covid-19 geschützt werden, wenn die Impfzentren ihre Lagerbestände abbauten und wenn neue Lieferungen verstärkt an die Hausärzte gingen. „In einigen Ländern oder Impfzentren liegen insgesamt fast vier Millionen Dosen ungenutzt herum. Weil es keine Sendungsverfolgung wie bei der Post gibt, weiß niemand, wo der Impfstoff wirklich ist“, sagt der Vorsitzende des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI), Dominik von Stillfried, der F.A.Z.: „Bund und Länder müssen Klarheit über den Verbleib schaffen und dann dafür sorgen, dass die Dosen möglichst schnell verimpft werden.“ Der Lagerbestand ergibt sich aus der Menge der Lieferungen des Bundes an die Länder minus der bisher verabreichten Impfdosen.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Stillfried plädiert dafür, diese Bestände auf das Kontingent anzurechnen, das sich die Länder beim Impfgipfel gesichert hatten: Der Beschluss vom 19. März legt fest, dass die 433 Impfzentren jede Woche 2,25 Millionen Einheiten bekommen. Die Praxen, die seit vergangenem Mittwoch in die Kampagne einbezogen sind, erhalten lediglich den Rest der Gesamtlieferungen. Bisher haben sie 1,1 Millionen Injektionen verabreicht, die Impfzentren seit Ende Dezember indes 17,6 Millionen.

          Allerdings injizieren die Zentren den ZI-Angaben zufolge nur 80 Prozent des ihnen zur Verfügung stehenden Impfstoffs, während die Praxen mehr als 99 Prozent schaffen. Das hat auch damit zu tun, dass die Präparate dort weniger lang gelagert werden können, und dass die Hausärzte bei übriggebliebenen Dosen schneller impfwillige Patienten erreichen können. Wie viele Einheiten in den Zentren weggeworfen werden, ist unbekannt.

          Keine Stellungnahme von Spahn

          Mit mehr Transparenz und besserer Organisation lässt sich Stillfried zufolge der Impffortschritt erheblich beschleunigen: da 3,8 Millionen Einheiten unverimpft auf Halde lägen, da nicht länger Dosen für Zweitimpfungen zurückgehalten werden müssten und da die Lieferungen verlässlicher seien als früher. „Mit dem intelligenten Einsatz der Lagerbestände ließe sich die Anzahl der Dosen für die Praxen maximieren, ohne dass die Zentren weniger impfen würden“, sagt er. „Das würde einen Impfturbo zünden, den wir angesichts der dritten Welle dringend brauchen.“

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          Das ZI hat berechnet, dass die Praxen in der laufenden Woche schon 3,5 Millionen Covid-19-Spritzen setzen könnten, wenn die Impfzentren ihre 2,25 Millionen Dosen aus den Depots bestritten; in diesen liegen rund 1,8 Millionen Einheiten von Astra-Zeneca, 1,2 Millionen von Biontech/Pfizer und 0,8 Millionen von Moderna; das Vakzin des Herstellers J&J, der in Amerika und Europa am Dienstag schwere Rückschläge erlitt, wurde in Deutschland noch nicht verimpft. Die Lager wären in der kommenden Woche zwar aufgebraucht. Doch dann steht den Lieferplänen zufolge sehr viel mehr frischer Impfstoff zur Verfügung. Von der ersten Mai-Woche an rechnet das ZI deshalb mit mehr als 4 Millionen Dosen für die Praxen, bis Ende Juni seien wöchentlich 8,5 Millionen Einheiten zu erwarten.

          Unter Einbeziehung der Praxen könnten alle impfwilligen und impffähigen Deutschen bis zum 18. Juli eine Erstimpfung erhalten und bis zum 8. August vollständig geschützt sein, rechnet Stillfried vor. Verließe man sich hingegen allein auf die Impfzentren, würde es sogar bei Verdoppelung ihrer Kapazität bis Ende September dauern. Während die Arztpraxen theoretisch eine Millionen Dosen am Tag – statt in der Woche – verabreichen könnten, lässt die Hochskalierung in den Zentren auf sich warten. Um auf 2,25 Millionen Dosen in der Woche zu kommen, müssen sie etwa 321000 am Tag verabreichen. Dieses Ziel wurde erst in der vergangenen Woche erreicht.

          Auffällig ist, dass einige Länder eine viel höhere Verwendungsquote der gelieferten Vakzine aufweisen als andere. Bremen schafft Stillfried zufolge 93 Prozent, Rheinland-Pfalz nur 79 Prozent: „Hätten alle Länder so geimpft wie Bremen, wären rund 2,9 Millionen Menschen mehr geimpft und die ungenutzten Lagerbestände betrügen nur etwa eine statt fast 4 Millionen Dosen.“

          Vom Gesundheitsministerium unter Jens Spahn (CDU) gab es zu dem Thema am Dienstag keine Stellungnahme. Demnächst wird sich die Regierung aber zu dem Thema äußern müssen, denn die FDP-Fraktion plant eine Anfrage zu den Lagerbeständen. Den Liberalen stößt auf, dass die Länder „,Impfstoffpolster’“ ansammeln, während die Lieferungen an Vertragsarztpraxen begrenzt werden“. Zudem sei der bürokratische Aufwand hoch: In den Impfzentren seien je Spritze elf Unterschriften nötig, sieben durch den Patienten, vier durch den Arzt.

          Und die Privatärzte?

          In den Hausarztpraxen wird seit vergangenem Mittwoch geimpft, allerdings dürfen sich Privatärzte ohne Kassenverträge bisher nicht beteiligen. Das betreffe etwa 5000 Praxen, sagt Christoph Gepp vom Privatärztlichen Bundesverband PBV: „Unseren Patienten zuliebe würden wir gern impfen, auch wenn die Vergütung in keinem Verhältnis zum bürokratische Aufwand steht.“

          Ein Gutachten des Verbands zeige, dass die Verordnung des Gesundheitsministeriums, welche die Privatärzte bisher ausschließt, rechtswidrig sei. Deshalb hätten zwei Kollegen eine Klage vorbereitet. Nach einem Gespräch mit Spahn sei der PBV aber zuversichtlich, dass es zu einer Einigung komme. Ein Ministeriumssprecher bestätigte, Spahn wolle die Privatärzte mit einbeziehen.

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