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Asien-Kommentar : Der lachende Dritte

  • -Aktualisiert am

Das ArtScience Museum und die Banken-Skyline in Singapur Bild: Picture-Alliance

Manager blicken angesichts des Handelsstreits verstärkt nach Südostasien. Hier wächst die kaufkräftige Mittelschicht. Doch wird es nicht reichen, unter der Palme zu sitzen und die Hände aufzuhalten.

          3 Min.

          Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Die Streithähne der Weltwirtschaft sind derzeit Amerika und China. Der lachende Dritte könnte Südostasien sein. Denn die Region wird davon profitieren, dass Manager aufgrund des Handelskonfliktes Lieferketten insbesondere der Elektronik umsteuern und neue Fabriken bauen. Einige der zehn Länder könnten Ausweichstandorte bieten, wird die Ausfuhr aus China zu teuer.

          Neu ist die Bewegung hin zum Südosten Asiens nicht. Denn zum einen wächst auch unter den 630 Millionen Menschen hier eine veritable Mittelschicht heran, die sich durch Kaufkraft und Konsum auszeichnet. Sie will bedient werden. Zum anderen erschien es schon vor dem Handelskonflikt immer riskanter, alle Eier in einen Korb zu legen; bislang ließen vor allem politische Unwägbarkeiten und steigende Löhne die Unternehmenschefs an den Rest Asiens denken. Favoriten waren und sind Vietnam, Thailand und Malaysia, mit Abstrichen Indonesien und die Philippinen. Der Stadtstaat Singapur wird traditionell als Tempomacher und Steuerstandort genutzt. Kambodscha, Laos und für die Textilbranche auch Burma (Myanmar) rücken allmählich nach. Alle zehn bilden die Staatengemeinschaft Asean.

          In den vergangenen Monaten hat sich die Lage der Asean-Staaten noch einmal deutlich verbessert. China bietet den Regierungen unter seinem Konzept der Neuen Seidenstraße enorme Infrastrukturinvestitionen an. Peking will seinen Einfluss in der Region stärken: Die Chinesen wollen Sympathien gewinnen, Bodenschätze heben und Nachschubwege sichern. Um China in Zaum zu halten, offerieren Japan und Indien den Südostasiaten ihrerseits Hilfe. So kommt es zu Bieterwettbewerben um den Bau von Eisenbahnen und Häfen im Süden Asiens.

          Blauäugig zu glauben, dass den Asean-Ländern alles in den Schoß fiele

          Und nun lässt auch noch der Handelskonflikt Manager, übrigens selbst aus China, verstärkt nach Süden blicken. Vietnam verzeichnete in den ersten neun Monaten im Jahresvergleich 18 Prozent höhere Investitionen aus dem Ausland in seine herstellende Industrie. Thailand, aufgrund seiner regierenden Militärjunta lange der Paria, verbuchte sogar einen Anstieg um 53 Prozent. Der Zufluss der Auslandsinvestitionen in die Philippinen hat sich im ersten Halbjahr versechsfacht. Und Malaysias neuer Ministerpräsident Mahathir Mohamed kann es sich leisten, Milliardenangebote der Chinesen zu streichen.

          Da ist es kein Wunder, dass die Seminare zu Asean und zum Gastgeberland Indonesien auf der Asien-Pazifik-Konferenz der Deutschen Wirtschaft (APK) Ende nächster Woche in Jakarta ausgebucht sind. Unter dem Druck der Suche nach Ausweichstandorten und neuen Netzwerken werden selbst geächtete Regime über Nacht salonfähig. Die Europäische Union hatte die Verhandlungen über Freihandel mit den Generälen Thailands ausgesetzt; nach der schlichten Ankündigung von Wahlen unter kaum demokratischen Bedingungen wurden sie wiederaufgenommen. Gleiches gilt für Vietnam, dessen Regierung eben noch einen Staatsbürger am helllichten Tag aus Berlin hatte entführen lassen. Oder die Philippinen, deren Präsident nicht nur durch den Aufruf zum Mord an Drogenabhängigen lange Persona non grata war. Die wirtschaftliche Realität baut die Südostasiaten nun in einem Maße auf, das nicht zu erahnen war.

          Das größte Risiko ist eine Eskalation zu einem Währungskrieg

          Allerdings wäre es blauäugig zu glauben, dass den Asean-Ländern alles in den Schoß fiele. Das Interesse an ihnen wächst. Doch wird es nicht reichen, unter der Palme zu sitzen und die Hände aufzuhalten. Freihandelsabkommen sind an Bedingungen geknüpft. Chinas Investitionsversprechen kommen mit beißenden Schuldenlasten daher. Private Investoren fordern bessere Rahmenbedingungen. Nutzen kann Südostasien seine neuerliche Chance nur, wenn es überfällige Reformen vorantreibt. Oben auf der Agenda stehen die Bekämpfung von Korruption, Vetternwirtschaft und Bürokratie. Unabhängige Gerichte und weniger staatliche Eingriffe, Arbeits- und Umweltschutz tun ebenfalls not.

          Schließlich darf bei aller freudigen Erwartung nicht vergessen werden, dass der Handelskonflikt eine Größenordnung erreicht, die auch Südostasien ins Mark treffen kann. Die Länder bleiben abhängig vom Wohlergehen ihres großen Nachbarn China. Jedes Abschwächen der Konjunktur dort werden die Exportnationen des Südostens mit zeitlicher Verzögerung zu spüren bekommen. Protektionismus und ökonomischer Nationalismus bedrohen auch Südostasien. Schon jetzt rechnet die Welthandelsorganisation WTO mit einem Schmelzen des Wachstums des Welthandels von 4,4 auf nur noch 3,7 Prozent im kommenden Jahr.

          Das größte Risiko ist eine Eskalation zu einem Währungskrieg. Setzte China entgegen seinen Versprechen die Abwertung des Yuans als Waffe gegen die Zollpolitik Amerikas ein, träfe dies den Rest Asiens. Schon jetzt stehen aufgrund des hohen Ölpreises und der hausgemachten Leistungsbilanzdefizite die indische Rupie und die indonesische Rupiah unter Druck. Die Dollarkredite werden stündlich teurer, Risiken wachsen. Alles in allem stehen die Sterne aber so günstig für Südostasien wie lange nicht. Die Region muss hart an sich arbeiten, um ihre Chancen zu heben. Sonst zieht das Glück vorüber. Und das Lachen des Dritten bleibt ihm im Halse stecken.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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