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Schwache Währungen : Asien wird immer tiefer in den Krisenstrudel gezogen

Am chinesischen Fluss Jiangling: Das Land hinkt mit seinem Wachstum den gewohnten Raten hinterher und hemmt auch Ostasien insgesamt. Bild: EPA

Weltbank, Asiatische Entwicklungsbank und Analysten warnen vor den sich überlappenden Krisen. In jedem Einzelfall müsse der Klimawandel bekämpft werden.

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          Die Wolken über Asien verdunkeln sich. Aufgrund des globalen Zinsgefälles fließt immer mehr Geld aus der Region ab, die externe Nachfrage beginnt zu schwächeln, die Inflation treibt mehr Menschen in Armut, die Ernährungskrise weitet sich aus, und die Klimafolgen sind immer deutlicher zu spüren. „Die sozialen und ökonomischen Bedingungen haben sich verschärft“, sagte Masatsugu Asakawa, der Präsident der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB), zum Auftakt ihrer 55. Jahrestagung.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Er mahnte, die Folgen des Klimawandels endlich stärker ins Auge zu fassen: „Die Erholung von der Corona-Pandemie bietet uns eine historische Chance: Sie muss den Kampf gegen den Klimawandel einschließen.“ Die ADB selber ist ein Beispiel für die Krise: Musste die Tagung doch aus dem unter Schuldenlast und Fehlentscheidungen der Regierung zusammengebrochenen Sri Lanka auf die Philippinen verlegt werden, an den Sitz der Bank.

          „Das externe Umfeld hat sich für die asiatisch-pazifischen Volkswirtschaften verschlechtert“, heißt es im Wirtschaftsausblick, den die Ratingagentur Standard & Poor’s zeitgleich veröffentlichte. „Die weithin erwartete Abschwächung der weltweiten Nachfrage wird zu einem großen Test für den asiatisch-pazifischen Raum.“ Zwar betonte Asakawa, die asiatischen Volkswirtschaften seien besser aufgestellt als zu Zeiten der Asienkrise ab 1997.

          Schwache Währungen verteuern den Rohstoffimport

          Gleichwohl wächst die Sorge vor den steigenden Leitzinsen in der industrialisierten Welt. Ihre teils um ihr Rekordtief pendelnden Währungen machen es für die Asiaten immer teurer, in Dollar abgerechnete Rohstoffe auf dem Weltmarkt zu kaufen. Ein Hoffnungsschimmer stammt aus der verbilligten Ausfuhr: „Mit Blick auf Inflation und Schuldenlast ist der stärkere Dollar eine schlechte Nachricht, aber mit Blick auf den Export und den Tourismus ist er eine gute Nachricht“, sagte Aaditya Mattoo, Chefökonom für Asien-Pazifik bei der Weltbank. Sie legte ihren Ausblick auf die Region zur selben Zeit vor.

          „S&P glaubt, dass höhere globale Zinssätze und die damit verbundenen Belastungen der Kapitalströme zusammen mit einem unterschiedlichen Grad an Inlandsinflation die Notenbanken im asiatisch-pazifischen Raum unter Druck setzen werden, die Zinssätze anzuheben, selbst wenn sich die Wirtschaft abschwächt“, heißt es bei den Analysten.

          Das könnte eine Kettenreaktion auslösen: Überfällige Investitionen könnten ausbleiben, und damit würde es noch schwerer, Arbeitsplätze in Asien zu schaffen. Getrieben von Corona und der hohen Inflationsrate in Asien, ist die Zahl der Armen aber schon jetzt erstmals seit Jahrzehnten wieder gestiegen. „Fast 1,1 Milliarden Menschen in dieser Region können sich nicht gesund ernähren, weil sie arm sind und die Lebensmittelpreise in diesem Jahr auf ein Rekordniveau gestiegen sind“, warnte Asakawa am Dienstag.

          China wird zur Last

          Die ADB betrachtet die sich überlappenden Krisen als Anstoß, bei allen Reaktionen vor allem den Klimawandel zu bekämpfen. „Wir müssen jetzt und heute handeln, bevor die Folgen des Klimawandels sich noch weiter verschlimmern und die hart erkämpften Entwicklungserfolge der Region weiter untergraben“, mahnte Asakawa.

          Die von ihm geführte Bank verspricht weitere 14 Milliarden Dollar für die Zeit zwischen 2023 und 2025 für die Unterstützung der Klimaziele. Das Geld soll private Investitionen in Höhe von 5 Milliarden Dollar anstoßen. Die Summe bleibt ein Tropfen auf einen immer heißeren Stein: „Die Entwicklungsländer Asiens brauchen 1,7 Billionen Dollar jährlich, um die Widerstandskraft gegen die Folgen des Klimawandels zu stärken“, sagte Asakawa.

          Ihr Programm zur Abkehr Asiens von der Kohle, das derzeit in Indonesien, auf den Philippinen und in Vietnam getestet wird, will die Bank ausweiten. Inzwischen stammt schon gut die Hälfte des weltweiten Ausstoßes von Treibhausgas aus dem asiatisch-pazifischen Raum. Asakawa warnte vor Migrationsströmen, die durch die wachsende Zahl von Klimakatastrophen wie etwa die Überflutung in Pakistan einsetzen könnten. Erfolge aber sind an dieser Front nicht leicht zu erzielen: Nicht nur Indien investiert massiv in den Bau von Kohlekraftwerken, um den rasch wachsenden Energiebedarf der fünftgrößten Volkswirtschaft der Erde wenigstens in Ansätzen decken zu können.

          Eine weitere Herausforderung für die Region ist die Schwäche Chinas: Die Weltbank erklärte, dass „die Region durch das chinesische Wachstum belastet“ werde. Die Rate Chinas dürfte von 8,1 Prozent im vergangenen Jahr auf 2,8 Prozent in diesem Jahr schmelzen. Dieses Wachstumstempo bedeute, dass der Rest der Region zum ersten Mal seit Jahrzehnten schneller wachsen werde als China – was gleichwohl aber zu langsam bleibt, um eine ausreichende Zahl von Arbeitsstellen zu schaffen. Noch im April hatte die Weltbank für China ein Wachstum von 5 Prozent vorhergesagt. S&P nahm die Wachstumserwartung für China am Dienstag von 3,3 Prozent für dieses Jahr auf 2,7 Prozent zurück, im nächsten Jahr dürfte die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt dann um 4,7 statt erhoffter 5,2 Prozent zulegen.

          „Wir gehen davon aus, dass sich der Immobiliensektor wohl nicht schnell erholen und die langsamere Nachfrage aus dem Ausland spürbar werden wird. Darüber hinaus belasten geopolitische Erwägungen und die wirtschaftliche Abkopplung durch die Vereinigten Staaten und andere Länder die Wachstumsaussichten. Einige Investitionsentscheidungen werden aufgeschoben, und einige ausländische Unternehmen versuchen, ihre Produktion in anderen Ländern auszuweiten.“ Die übrige Region werde in diesem Jahr noch um 4,8 Prozent wachsen, im nächsten dann nur noch um 4,3 Prozent statt der noch im Juni erwarteten 4,6 Prozent. Das raschere Wachstum Indiens gleicht die Schwäche Chinas bislang nur zu Teilen aus.

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