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Asien : Im Griff der Korruption

Kein Tag ohne Enthüllung: Ein Angestellter eines indischen Telefonanbieters protestiert gegen den Korruptionsskandal in der indischen Telekombranche Bild: REUTERS

Die Krake Bestechung hat sehr lange Arme. Ihr zu entkommen ist in Asien kaum möglich. Wie können Ausländer unter diesen Bedingungen saubere Geschäfte machen? Kaum, um ehrlich zu sein. Ausländische Firmen haben sich mit der Korruption arrangiert - sie wird „ausgelagert“.

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          Indien ist in Aufruhr. Seit der Ausrichtung der Commonwealth-Spiele im Frühherbst tritt ein Bestechungsskandal nach dem anderen zu Tage. Verwickelt ist die Elite: Bundesminister, Ministerpräsidenten, Spitzenfunktionäre, Bankiers, Generäle. Opfer ist die gesamte Gesellschaft. Ratan Tata, Symbolfigur des rechtschaffenen Indiens, berichtet, er habe nur deshalb keine private Fluglinie gegründet, weil für die Genehmigung astronomische Bestechungsgelder verlangt worden seien. Allein bei der Vergabe von Telefonlizenzen sollen dem Staat nun 40 Milliarden Dollar entgangen sein. Die amerikanische Denkfabrik Global Financial Integrity erklärt, dass Indien seit seiner Unabhängigkeit 1948 mehr als 462 Milliarden Dollar durch den Transfer von Schwarzgeld verloren habe – ein sehr großer Teil erworben durch Korruption.

          Inder schätzen, dass sie im täglichen Leben rund ein Viertel ihres Einkommens für Bestechung aufwenden. Soll der Gasmann eine neue Flasche bringen, kostet das extra. Der Dorfschullehrer verlangt eine Zulage, um ein Kind zu unterrichten. Ein Beamter stempelt ein Dokument nur gegen Rupien. Der Arzt operiert erst, wird er privat bezahlt. Journalisten bekommen Wohnungen, berichten sie gewogen.

          Die meisten Gesellschaften Asiens bauen auf Bestechung, die als normaler Bestandteil des täglichen Lebens gilt – zwar Übel, doch unabwendbar. Grundlage dafür ist eine fatale Mischung: Beamte brauchen Bestechungsgelder, weil sie von ihrem Gehalt nicht leben könnten. Eine überbordende Bürokratie schafft viele Ebenen, die die Hand aufhalten. Asiens Gesellschaften sind geprägt vom Elitedenken. Reichtum wird kaum hinterfragt, sondern bewundert.

          Folgen: Eingestürzte Brücke am Nehru-Stadion in Neu-Delhi kurz vor den Commonwealth Games
          Folgen: Eingestürzte Brücke am Nehru-Stadion in Neu-Delhi kurz vor den Commonwealth Games : Bild: REUTERS

          Die Korruption geht einher mit Vetternwirtschaft. Günstlinge schließen die Augen, kommt es darauf an. Informelle Arbeit besitzt ein wesentlich größeres Gewicht als im Westen. Jenseits des gemeinsamen Golfspiels besucht man in China die Sauna, lädt sich in Indien zu rauschenden Festen auf die Privatjacht ein, zahlt Urlaube und Einkauftrips. Asien bleibt verhaftet in dynastischem Denken. Die „Prinzlinge“ Chinas, die Kinder der Parteibonzen, die in der Wirtschaft Karriere machen, und die Familienkonzerne Indiens führen vor, wie man Macht und Geld zusammenhält. Die Korruption als Gier einzelner zu begreifen, führt in die Irre. Sie ist systemisch.

          Mit Blick auf Indien stellt sich damit die Frage, wie falsch dieses Land derzeit bewertet wird. Präsident Barack Obama erteilte ihm gerade den Ritterschlag und hob es vom Schwellenmarkt auf das Niveau eines „entwickelten Landes“. Als Endlosschleife singt Indiens Elite das Lied von der zweistelligen Wachstumsrate und der größten Demokratie. Beides ist richtig. Doch stellt sich die Frage, welchen Wert diese Begriffe haben. Denn ein Wachstum, das weite Teile der Gesellschaft nicht erreicht und eine Demokratie, in der der Beitrag des einzelnen kein Gewicht besitzt, bleiben hohle Begriffe. So wird der gesamte Fortschritt Indiens überschattet.

          Wie können Ausländer unter diesen Bedingungen saubere Geschäfte machen? Kaum, um ehrlich zu sein. Natürlich betont jeder deutsche Manager, sein Unternehmen verweigere jegliche Bestechung. Natürlich wandeln sich Siemens oder Daimler unter dem Druck der amerikanischen Börsenaufsicht zu sauberen Konzernen, deren mittleres Management nicht mal mehr ein Gastgeschenk für mehr als 20 Euro machen darf.

          Im nächsten Satz aber betonen eben diese Manager, dass ihre Gegenüber aus Frankreich oder Amerika ganz anders vorgingen, teilweise mit Hilfe ortsansässiger Botschaften. Wahr ist wohl, dass man sich arrangiert hat. Deshalb redet man schon vom „outsourcing of corruption“. Dahinter verbirgt sich ein perfektes System, sich die Hände nicht schmutzig zu machen. Container oder Luxuskarossen holen ortsansässige Agenten gegen eine ordentlich ausgewiesene Gebühr aus dem Hafen.

          Die Auftragsvergabe läuft über einheimische Vermittler. Sie machen die Drecksarbeit, nicht das ausländische Unternehmen, das davon nichts wissen will. Mittelständler erzählen, dass indische Geschäftspartner bei einem Firmenbesuch nicht nur die Übernahme der Kosten für den Erste-Klasse-Flug auch für die Gattin verlangen, sondern die Rechnung des Kieferorthopäden für das Richten der Zähne in Deutschland gleich mit einreichen.

          Jeder Auslandschef ist weitgehend erpressbar

          Dabei wächst die Angst. Immer mehr deutsche Unternehmen bauen ganze Standorte nicht, weil sie wissen, dass sie sich damit in Gefahr brächten. Das ist löblich, führt aber zum Verlust von Umsatz. Der ausländische Landesfürst sitzt in der Regel in der Klemme: Beim Vorstand daheim hat er unterschrieben, sauber zu arbeiten. Zugleich muss er Umsatz und Gewinn steigern, Aufträge hereinholen, Marktanteile erobern. In Ländern wie China, Indien, Bangladesch, Vietnam oder Indonesien ist dieser Widerspruch nur über Umwege zu lösen ist. Damit ist jeder Auslandschef weitgehend erpressbar, was China neuerdings ab und an vorführt.

          Die Krake Bestechung hat sehr lange Arme. Ihr zu entkommen ist in Asien kaum möglich. Das wird noch auf Jahre so sein. Ein erster Schritt wäre, dies immer wieder öffentlich zu machen, statt sich darin zu ergehen, die eigene Unschuld zu betonen.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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