https://www.faz.net/-gqe-8waps

Armutsdebatte : Jeder dritte Geringverdiener steigt zügig auf

Warten vor dem Arbeitsamt: Viele Menschen in Deutschland leben schon seit vielen Jahren von Hartz IV. Bild: Caro / Eckelt

Gibt es in Deutschland eine verfestigte Armut? Für viele Betroffene gilt das eher nicht, zeigen neue Daten. Einige aber stecken seit 2005 im Hartz-IV-System fest.

          Knapp 13 Millionen Menschen in Deutschland leben in relativ armen Verhältnissen, weil ihr Einkommen weniger als 60 Prozent des gesellschaftlichen Mittelwerts beträgt. Immerhin ein Drittel der Betroffenen, mehr als 4 Millionen, steigen aber innerhalb eines Jahres in eine höhere Einkommensschicht auf. Jedem Zehnten gelingt direkt der Aufstieg in die Mittelschicht. Das zeigen neue Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die der F.A.Z. vorliegen. Sie stützen sich auf das Sozioökonomische Panel, eine Datenbank von Befragungsergebnissen für die Sozialwissenschaft.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Der Anteil der Aufsteiger unter den im statistischen Sinne Armutsgefährdeten ist damit zwar geringer als Mitte der neunziger Jahre; damals waren zeitweilig rund 40 Prozent innerhalb eines Jahres aufgestiegen. Allerdings ist der Rückgang keine aktuelle Entwicklung – er fand zur Jahrtausendwende statt, wie ein näherer Zeitvergleich zeigt: Seit 2002 bewegt sich der Anteil der Aufsteiger mit nur noch kleinen Schwankungen bei einem Drittel. Eine Erklärung für die höheren Aufsteigerquoten vor 20 Jahren könnte der zeitweilig starke Aufholprozess der Löhne im Osten nach der Wiedervereinigung sein.

          Stetig gestiegen ist allerdings die statistische Armutsgefährdungsschwelle, da diese an den Mittelwert aller Einkommen gekoppelt ist. Sie lag im Jahr 2015 um 50 Prozent höher als 1996. Real, also nach Abzug der Inflationsrate, ist das ein Anstieg um 19 Prozent. Für eine alleinlebende Person lag die Schwelle 2015 bei 942 Euro netto im Monat, für ein Paar mit zwei Kindern bei 1978 Euro.

          Die Mittelschicht ist mit Abstand am stabilsten

          Die IW-Forscher Holger Schäfer und Jörg Schmidt folgern aus den Berechnungen, dass diese zwar „keinen positiven Trend in der Aufstiegsmobilität“ zeigten – umgekehrt eigneten sie sich „aber auch nicht als Begründung für gesetzliche Korrekturen“. Dagegen hatte Bundessozialministerin Andrea Nahles (SPD) die Debatte über Aufstiegsmobilität kürzlich mit einer düsteren Darstellung geprägt: Das „Wohlstandsversprechen“, dass sich Arbeit lohne und Aufstieg für alle möglich sei, gelte in Deutschland nicht mehr, hatte sie vor Journalisten geklagt. Die Reallöhne vieler Beschäftigter sänken seit Jahren, viele Reiche profitierten dagegen von Erbschaften – ihr Wohlstand verfestige sich.

          Den Berechnungen des IW zufolge ist indes die Mittelschicht die mit Abstand stabilste Schicht. Betrachtet man den Zehnjahreszeitraum von 2004 an, dann haben einerseits 58 Prozent der damals armutsgefährdeten einen Aufstieg geschafft. Andererseits rutschten 49 Prozent der Oberschicht (definiert durch Einkommen von mehr als 250 Prozent des Mittelwerts) nach unten ab. Die Mittelschicht mit einer Einkommensbandbreite von 80 bis 150 Prozent des Mittelwerts verließen in den zehn Jahren dagegen nur 36 Prozent; davon 22 Prozent nach unten und 14 Prozent nach oben.

          Neben dieser Betrachtung der Einkommen einschließlich Sozialleistungen haben die Forscher auch untersucht, in welchem Ausmaß Arbeitnehmern im Niedriglohnsektor ein Aufstieg in höhere Lohnklassen gelingt. Hier zeigt sich ein ähnliches Bild: 27 Prozent derer, deren Lohn zunächst unterhalb von als zwei Dritteln des mittleren Bruttostundenlohns lag und die auch im Folgejahr arbeiteten, hatten den Aufstieg über die Niedriglohnschwelle geschafft. Im Jahr 2015 lag die Niedriglohnschwelle bei 9,91 Euro je Stunde. Der Anteil der Aufsteiger war seit 2008 schrittweise um vier Prozentpunkte gestiegen und fiel zuletzt wieder etwas zurück.

          Stärker auf gemeinnützige Arbeit setzen

          Eine Gruppe von einigen hunderttausend Menschen scheint indes von solchen Chancen ganz abgeschnitten zu sein. Das legt eine neue Untersuchung der Konrad-Adenauer-Stiftung nahe, die sich auf eine Auswertung der Bundesagentur für Arbeit stützt: Allein 631.000 erwerbsfähige Bezieher der Grundsicherung Hartz IV leben demnach schon seit der Arbeitsmarktreform von 2005 ununterbrochen von dieser Fürsorge. Dies sind 14,6 Prozent aller erwerbsfähigen Hartz-IV-Bezieher. Im Osten beträgt der Anteil sogar 19,1 Prozent.

          Die Stiftung rät, für einen begrenzten Personenkreis stärker auf gemeinnützige Arbeit zu setzen. Heinrich Alt, langjähriger Vorstand der Bundesagentur, hatte jüngst sogar eine grundlegende Neuordnung des Hartz-IV-Systems vorgeschlagen. Derzeit hindere vor allem übermäßige Bürokratie die Jobcenter an einer wirksamen Betreuung der Hilfebedürftigen, kritisiert Alt.

          Weitere Themen

          Pilotenheld kritisiert Boeing Video-Seite öffnen

          „Sully“ schlägt Alarm : Pilotenheld kritisiert Boeing

          Mehrere Piloten fordern den US-Flugzeugbauer Boeing auf, Piloten besser zu schulen, bevor die Flieger vom Unglückstyp 737 Max nach zwei Abstürzen mit hunderten Toten wieder fliegen dürfen. Die von Boeing angebotenen Schulungen reichten nicht aus, sagt unter anderem Chesley "Sully" Sullenberger. Er schrieb mit der geglückten Notlandung mit einem Airbus auf dem Hudson in New York 2009 Geschichte.

          Topmeldungen

          EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber

          Streit um EU-Jobs : EVP-Kandidat Weber greift Macron an

          Manfred Weber geht im Ringen um den Job als EU-Kommissionspräsident in die Offensive. Er wirft seinen Gegnern destruktives Verhalten vor und warnt: „Die Frustration von Wählern ist absehbar.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.