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Armut in China : Peking feiert spektakuläre Zahlen

Bauern in Hefei: Was arm ist, bestimmt Peking Bild: AFP

Seit 2001 ist die Menge der Armen um die Einwohnerzahl Frankreichs gesunken, meldet die chinesische Regierung. Was Armut ist, wird allerdings nach einer ganz eigenen Rechnung bestimmt.

          China hat es nach eigenen Angaben geschafft, die Armut unter seiner Landbevölkerung in den vergangenen zehn Jahren um weit mehr als zwei Drittel zu verringern.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          2001 hätten noch 94,2 Millionen Personen unter der nationalen Armutsgrenze gelebt, 2010 seien es 26,9 Millionen gewesen, heißt es in einem Bericht, den die Regierung am Mittwoch in Peking vorlegte. Insgesamt zählt China 1,34 Milliarden Einwohner.

          Mehr als 67 Millionen Personen seien aus der Armut geholt worden, das entspreche der Gesamtbevölkerung Frankreichs. China habe die Aufgabe annähernd gelöst, die gesamte Landbevölkerung mit einem angemessenen Auskommen, mit Nahrung und Kleidung zu versorgen, schreiben die Autoren des so genannten Weißbuchs zur Armutsverringerung in ländlichen Gebieten.

          Nationale Armutsgrenze: 148 Euro - im Jahr

          Auf diese Weise erfülle das Land vorzeitig das „Millenniums-Ziel“ der Vereinten Nationen, den im Elend lebenden Bevölkerungsanteil zu halbieren. „China leistet einen große Beitrag zu den Anstrengungen in der internationalen Armutsbekämpfung“, lobte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Sie erinnerte aber daran, dass die verbliebene Zahl von Unterprivilegierten noch immer der Bevölkerung von Texas entspreche, dem zweitgrößten Staat in Amerika. Ähnlich viele Einwohner wohnen in Bayern und Baden-Württemberg zusammengenommen.

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          Als Maßstab nutzt der Bericht die nationale Armutsgrenze. Sie unterschreitet, wer im ganzen Jahr 2010 weniger als 1274 Yuan zur Verfügung hatte (nach jetzigem Kurs 148 Euro oder rund 3,5 Yuan am Tag). In der zurückliegenden Erhebung von 2001 hatte die Schwelle 865 Yuan betragen. Kritiker halten diesen Wert für zu gering und verweisen auf internationale Standards. Nach Definition der Weltbank liegt die Armutsgrenze kaufkraftbereinigt bei 1,25 Dollar am Tag. Pro Jahr wären das umgerechnet fast 2900 Yuan (rund acht Yuan am Tag).

          Nach dieser Berechnung gelten weiterhin weite Teile der chinesischen Landbevölkerung als arm: Nach Auskunft des Nationalen Statistikbüros betrug das ländliche Pro-Kopf-Einkommen im vergangenen Jahr lediglich 5919 Yuan (686 Euro). In den Städten waren es 21.033 Yuan (2437 Euro).

          600 Schlüsselregionen

          China lässt sich die Armutsbekämpfung einiges kosten. Die Zentralregierung und die Kommunen haben dafür dem Bericht zufolge im vergangenen Jahr fast 35 Milliarden Yuan (302 Millionen Euro) ausgegeben. Vor zehn Jahren lag der Wert nur etwa ein Drittel so hoch. Es fließe auch viel internationale Hilfe, hieß es. Seit Anfang der neunziger Jahre hätten ausländische Geber 1,4 Milliarden Dollar (eine Milliarde Euro) für die Armutsbekämpfung bereitgestellt, wovon 20 Millionen Chinesen profitiert hätten.

          Das nationale Armutsbekämpfungsprogramm konzentriert sich den Angaben zufolge auf etwa 600 Schlüsselregionen. Dort seien zwischen 2002 und 2010 Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen mit einer Fläche von 35 Millionen Quadratmetern gebaut worden. Annähernd 98 Prozent der Kinder im Alter zwischen 7 und 15 Jahren gingen dort jetzt zur Schule. Die Analphabetenrate unter der jungen und mittelalten Bevölkerung sei seit 2002 von 12,4 auf 7 Prozent gesunken.

          In dieser Zeit habe man 57 Millionen Personen Zugang zu Trinkwasser verschafft, 61 Prozent aller Haushalte verfügten heute über Leitungswasser. In 88 Prozent der Dörfer führten Straßen, in 98 Prozent gebe es Strom, in 93 Prozent Telefonverbindungen.

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