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Milliarden für Hilfsprogramme : Bloß nicht auf Distanz gehen

  • -Aktualisiert am

In der Favela Cidade de Deus in Rio de Janeiro fällt das Social Distancing schwer. Vor allem Entwicklungsländer benötigen finanzielle Hilfen aufgrund der Corona-Krise, fordert Joachim Nagel von der KfW. Bild: AFP

Die Entwicklungsländer wird die Corona-Krise viel härter treffen als uns, schreibt Joachim Nagel vom KfW-Vorstand in einem Gastbeitrag. Nichthandeln könnte sich als Bumerang erweisen: Je tiefer die weltweite Rezession ausfällt, desto stärker ist auch eine Exportnation wie Deutschland betroffen.

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          Die Corona-Krise verlangt uns in einem Maß Opfer ab, wie wir sie seit der Gründung der Bundesrepublik nicht kannten; medizinisch sowieso, aber auch sozial und wirtschaftlich. Leider kann derzeit niemand seriös vorhersagen, wie lange die Situation noch andauert und, wenn sie endlich aufhört, welche Schäden die Pandemie dann hinterlassen hat. „Die Lage ist ernst“, sagte die Bundeskanzlerin in einer ihrer Ansprachen und schwor uns damit auf harte Zeiten ein.

          Doch trotz aller Unwägbarkeiten und Herausforderungen, vor denen Deutschland gerade steht, sollten wir uns nicht von der Welt abkehren. Die geschlossenen Grenzen, die zur Eindämmung des Virus angebracht und sinnvoll sind, dürfen uns nicht auch gedanklich einmauern und den Blick auf andere Länder und Kontinente versperren. Aus humanitären Gründen, aber auch aus wohlverstandenem Eigeninteresse.

          Hohe Dunkelziffer

          Derzeit bereitet das Virus die größten Probleme mit den höchsten offiziellen Fall- und Opferzahlen auf der Nordhalbkugel der Welt, doch das könnte sich schnell ändern. Länder wie Brasilien, in denen es noch Anfang März nur zwei offiziell registrierte Fälle gab, weisen mittlerweile mehr als 18.000 auf – und das bei wahrscheinlich ungenügender Testung. Ähnliches gilt für Chile und Ecuador; auch dort sind die Fallzahlen schnell gewachsen. In den Philippinen und Südafrika steigt die Kurve ebenfalls an.

          Fast kein Land ist noch frei von Corona, auch in Afrika nicht, das zunächst verschont geblieben schien. Ob Tschad oder Sambia, Kenia oder Tansania überall kommen nahezu täglich Fälle hinzu. Die WHO meldete vor einigen Tagen 10.000 bestätigte Fälle in Afrika, und die Dunkelziffer dürfte hoch sein.

          Krankheiten breiten sich in Armenvierteln schneller aus

          Die Folgen für Menschen und Wirtschaft werden dort deutlich gravierender ausfallen als in Europa. Schon weil sich Krankheiten – das zeigen Beispiele wie Ebola oder Zika - in den Armenvierteln, wo die Menschen eng aufeinander leben, meist noch sehr viel schneller ausbreiten als in „Mittelstandsgegenden“. Wie soll in Favelas, Flüchtlingscamps und Townships soziale Distanz praktiziert werden? Wie können Menschen Hygieneregeln einhalten, wenn kein sauberes Wasser, keine Seife und keine Toiletten vorhanden sind?

          Dazu kommen Hunger oder Mangelernährung, schlechte Immunabwehr durch Vorerkrankungen wie HIV - mehr als die Hälfte aller Infizierten lebt in Subsahara-Afrika – sowie Krisen und Konflikte. In einem Land wie Jemen, ohnehin gebeutelt von einem seit mehr als vier Jahren dauernden Bürgerkrieg, hätte die Ausbreitung von Corona verheerende Auswirkungen. Auch Syrien und der Irak, der Libanon oder Jordanien wären schnell überfordert mit einer rasch steigenden Zahl an Infizierten. Dasselbe gilt für fast alle Staaten Afrikas südlich der Sahara.

          Joachim Nagel, im Vorstand der KfW, vor einer Solaranlage in Zataari, Jordanien.

          Die Gesundheitssysteme in den Entwicklungsländern sind schon zu normalen Zeiten unzureichend ausgestattet; das gilt erst recht während einer Pandemie. In Uganda gibt es angeblich weniger Intensivbetten als Kabinettsmitglieder; auch die Demokratische Republik Kongo hat mit etwa gleich viel Einwohnern wie Deutschland nur geschätzte 300 Intensivbetten (hierzulande sind es rund 28.000 und es werden noch mehr). Tansania verfügt Schätzungen zufolge über keine zwei Dutzend Beatmungsgeräte; Jordanien auch nur über etwa 200. Und die Neun-Millionenstadt Dhaka in Bangladesch kann derzeit auf gerade mal eine Handvoll Corona-Testzentren bauen. Der Mangel an geeigneter Ausrüstung ist überall greifbar. Unter solchen Umständen lässt sich die Verbreitung von Corona kaum stoppen, die Zahl der Opfer nur erahnen.

          Da helfen leider auch die mehr oder weniger rigiden Shutdowns, wie sie die Verantwortlichen jetzt fast überall auf der Welt verhängt haben, nur bedingt. In Indien erlebten wir gerade, wie Hunderttausende Tagelöhner aus der Baubranche, Gastronomie, dem Transportgewerbe durch eine dreiwöchige Ausgangssperre über Nacht ihre Jobs verloren. Weil sie kein Geld mehr verdienen können, machten sie sich auf den Weg nach Hause, teils zu Fuß, teils in völlig überfüllten Bussen. Eine Eindämmung des Virus dürfte unter diesen Umständen schwierig sein.

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