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ZEW-Präsident Clemens Fuest : Zehn Thesen zur Ungleichheitsdebatte

  • -Aktualisiert am

Ein Flaschensammler ist auf dem Kurfürstendamm in Berlin unterwegs. Bild: dapd

Werden die Armen wirklich immer ärmer und die Reichen immer reicher in der Welt? Und wie sieht es in Deutschland aus? Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Viele Vorwürfe sind nicht haltbar, viele Forderungen überzogen.

          Derzeit vergeht kaum ein Tag, ohne dass Meldungen über wachsende Ungleichheit Schlagzeilen machen. Nach einer Studie von Credit Suisse besitzen 0,7 Prozent der Weltbevölkerung 45 Prozent des Vermögens. Die Organisation Oxfam behauptet, das Vermögen der Reichen sei in den vergangenen fünf Jahren um 44 Prozent gestiegen, das der Armen um 41 Prozent gefallen. Der französische Ökonom Thomas Piketty warnt vor einer Gesellschaft, in der Einkommen immer ungleicher werden. Als Reaktion darauf fordern viele eine höhere Besteuerung der „Reichen“ und einen Ausbau des Sozialstaats.

          Diese Debatte wirft im Kern drei Fragen auf. Erstens: Nimmt die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen tatsächlich zu, werden die Armen also immer ärmer und die Reichen immer reicher? Zweitens: Wie ist die Entwicklung in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern? Drittens: Sollte die deutsche Politik reagieren und, falls ja, wie?

          Clemens Fuest ist ZEW-Präsident und wird im April die Nachfolge von Hans-Werner Sinn beim renommierten ifo Institut in München antreten.

          Die wichtigste Antwort auf diese Fragen lautet: Die These allgemein wachsender Armut und Ungleichheit ist falsch. Die weltweite Armut hat in den vergangenen Jahrzehnten drastisch abgenommen, die Einkommensungleichheit ist zurückgegangen. Das ist eine Folge des Aufstiegs der Schwellenländer. In den reichen Industrieländern wächst zwar die Ungleichheit der Markteinkommen. Aber letztlich kommt es auf die verfügbaren Einkommen an, also die Einkommen nach Steuern und Transfers, die jeder tatsächlich ausgeben kann. Der Sozialstaat federt die zunehmende Ungleichheit ab. In Deutschland wird mehr umverteilt als in fast allen anderen Ländern. Der Anteil der ärmsten 25 Prozent der Bevölkerung an den verfügbaren Einkommen ist deshalb in den vergangenen 20 Jahren annähernd stabil geblieben.

          Vor diesem Hintergrund wirkt die aktuelle Ungleichheitsdebatte überzogen. Die Politik sollte sich darauf konzentrieren, den deutschen Wohlfahrtsstaat so zu reformieren, dass er auch künftig Absicherung bietet. Wie wirtschaftliche Ungleichheit sich entwickelt und welche Konsequenzen für die deutsche Politik sich daraus ergeben, lässt sich in den folgenden zehn Thesen zusammenfassen:

          Weltweite Armut und Einkommensungleichheit sinken

          1. In den vergangenen beiden Jahrzehnten sind Armut und Einkommensungleichheit weltweit nicht gestiegen, sondern zurückgegangen. Verantwortlich dafür ist die Integration der Schwellenländer, vor allem Chinas, in die Weltwirtschaft. Der Rückgang der weltweiten Armut ist einer der wichtigsten Erfolge der Wirtschaftsentwicklung in den vergangenen Jahrzehnten. Wer mit weniger als 1,90 Dollar pro Tag auskommen muss, lebt nach Standards der Weltbank in extremer Armut. Im Jahr 1981 lebten 44 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut. 1990 sank diese Zahl auf 37 Prozent, im Jahr 2012 waren es nur noch 12,7 Prozent. Das sind immer noch zu viele. Aber der Fortschritt ist gewaltig.

          Auch oberhalb dieser Armutsgrenze hat die globale Ungleichheit abgenommen. 1980 betrug das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen der Schwellen- und Entwicklungsländer rund 14 Prozent des Niveaus der Industrieländer. Heute liegt es bei etwa 23 Prozent. Das sagt noch nichts über die Entwicklung der Ungleichheit innerhalb der beiden Ländergruppen und innerhalb einzelner Länder. Das gebräuchlichste Maß für die Beschreibung von Ungleichheit ist der Gini-Index. Ein Wert von null bedeutet völlige Gleichheit, ein Wert von 100 maximale Ungleichheit. Eine aktuelle Studie des Weltbank-Forschers Branko Milanović zeigt, dass der Gini-Index der Einkommensverteilung in der Weltbevölkerung zwischen 1988 und 2008 von 74 auf 69 gefallen ist. Er kommt deshalb zu folgender Einschätzung: „Die Periode der Globalisierung von 1988 bis 2008 hat den ersten Rückgang der weltweiten Ungleichheit seit der industriellen Revolution gebracht.“ Die Behauptung, weltweit würden Armut und Einkommensungleichheit permanent zunehmen, ist nicht haltbar.

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