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Hanks Welt : Stoppschild für Zuzügler

Mitte September 2021: Bei einer Demonstration gegen hohe Mieten in Berlin halten Teilnehmer ein Transparent mit der Aufschrift „Deutsche Wohnen & Co enteignen“. Bild: dpa

Harvard-Ökonom Ed Glaeser hat eine interessante Analyse: Die Insider, also die mit den schönen Häusern, haben unsere Städte gekapert. Sie verhindern, dass die Outsider sich dort Wohnungen leisten können.

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          Wissen Sie, was eine Diagonalsperre ist? Nein? Dann empfehle ich einen Ausflug in den Oeder Weg nach Frankfurt. Wer mit seinem Auto aus der Innenstadt in Richtung Nordend fährt, dem wird seit ein paar Monaten der Weg durch den Oeder Weg mit einer rot-weißen Schranke verwehrt. Man kennt das von Forstwirtschaftswegen im Wald. „Wohnviertel für Menschen, nicht für den Auto-Schleichverkehr“, so lautet die Devise. Fahrräder sind hochwillkommen. Frankfurt soll schließlich eine autofeindliche, dafür aber fahrradfreundliche Stadt werden.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Gewerbetreibenden im Oeder Weg sind keine Freunde der Absperrung. Auch die Bewohner der anliegenden Straßen grämen sich: Denn nun suchen sich die Autofahrer eben andere Schleichwege. Inzwischen sind selbst die Anwohner des Oeder Wegs irritiert: Denn die für den Autoverkehr gesperrte Straße hat sich rasch in ein Eldorado für die sogenannte Außengastronomie verwandelt. Statt Autolärms lärmen nun fröhliche Zecher. Merke: Städtische Regulierung wie hier das Fahrverbot führt zu unerwünschten Nebeneffekten. Und selbst die Begünstigten, hier die Anwohner, werden schnell von Gewinnern zu Opfern.

          Wohnungsmangel in den großen Städten ist eines der größten Probleme in Deutschland. „Die Politik“ müsse etwas tun, heißt es. Was sie tun soll, da gehen die Meinungen schon weit auseinander. Die meisten Ideen sind wenig zielführend: Linke und (viele) Grüne liebäugeln mit Mietendeckel, Mietpreisbremse bis hin zur Enteignung größerer Wohnungskonzerne. Klima-Politiker warnen vor dem Bau neuer Wohnungen, weil dies zu höherem Flächenverbrauch führe und die CO2-Bilanz der Städte versaue. Und in den schönen Vierteln dominieren die NIMBYs. Das steht für „Not in my backyard“ (Nicht in meinem Hinterhof). Natürlich müssen neue Wohnungen gebaut werden, aber bitte nicht in meinem Kiez. Grünlungig, autofrei und lebensfroh soll unsere urbane Nachbarschaft bleiben. Man gönnt sich ein riesiges unbebautes Biotop wie das Tempelhofer Feld in Berlin („auch geschützt für seltene tierische Bewohner*innen“, wie es auf der Internetseite heißt) und schützt sich selbst zugleich vor Mieterhöhungen mit verschärften Preisbremsen. Ein Paradies für die, die schon drin sind. Unerreichbar teuer für die, die reinwollen.

          Der Koalitionsvertrag bleibt halbherzig

          Gleichwohl hält der Run auf die Städte an. Junge Familien finden die Urbanität der Großstadt aufregender als die Vorstadt oder das Landleben. Das hängt auch mit der rückläufigen Kriminalitätsrate zusammen. Nie war der Mensch in den Städten so sicher wie heute. Der Kern des Problems ist nicht, dass die Wohnungen zu teuer sind, sondern dass es zu wenig davon gibt. Gäbe es mehr, würde das den Preis drücken und den Spekulanten das Handwerk legen.

          Halbherzig bleibt hier der Koalitionsvertrag der „Ampel“. Viel Verbot, wenig Aufbruch. Jährlich sollen 400.000 neue Wohnungen entstehen. Eine gute Idee. Sollen diese erschwinglich sein, dürften das nicht nur Luxusappartements sein. Standardisierung des Bauens heißt die Lösung. Doch schon tut sich ein Bündnis aus Architekten, Milieuschützern und Klimafreunden zusammen und schreit „Betonklötze“, „Mietskaserne“ und, wenn das nicht reicht, „Platte“. Ästhetik und Klimawandel sind die vorgeschobenen Waffen, mit denen sich der Besitzstand prima verteidigen lässt. Und Politiker machen sich zum Büttel jener Stadtbürger, die in ihrer Behaglichkeit nicht gestört werden wollen.

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