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Oxfam-Studie : Wo die Armut verschwunden ist

Sichtbare Armut: Eine Favela südlich von Rio de Janeiro Bild: dpa

99 Prozent der Deutschen unterschätzen die Erfolge im Kampf gegen die Armut. Dabei sind mehr als eine Milliarde Menschen aus dem Elend entkommen. Zwei Länder stechen besonders hervor.

          Als sich die Welt zur Jahrtausendwende das Ziel gesetzt hat, die Armut auf dem Globus bis zum Jahr 2015 zu halbieren, klang das utopisch. Als das „Millenniumsziel“ fünfzehn Jahre später erreicht wurde, hat das offenbar kaum jemand zur Kenntnis genommen.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          92 Prozent der Deutschen nehmen an, die Armut auf der Welt sei gleich geblieben oder angestiegen, 7 Prozent gehen von einer Abnahme um ein Viertel aus, teilte die Nichtregierungsorganisation Oxfam am Donnerstag mit. Dabei sprechen die Zahlen eine eindeutige Sprache: 1990, das ist das Referenzjahr der Vereinten Nationen, lebten 1,926 Milliarden Menschen auf der Welt in extremer Armut. Sie hatten also weniger als 1,25 Dollar am Tag zum Leben. Im Jahr 2015 waren es nur noch 836 Millionen Menschen.

          Während hierzulande im Wochentakt vor wachsender Armut und den Gefahren der Globalisierung gewarnt wird, sind die Vorteile der wirtschaftlichen Entwicklung anderswo mit Händen zu greifen. Allen voran in den bevölkerungsreichsten Nationen China und Indien sind die Fortschritte im Kampf gegen die Armut enorm.

          Selbst in bitterarmen Regionen gibt es Fortschritte

          In China fielen 1990 noch 61 Prozent der Menschen unter die Armutsgrenze und konnten sich also kaum eine warme Mahlzeit am Tag leisten. Inzwischen ist die Quote auf mickrige vier Prozent gesunken – und die Volksrepublik wegen politischer Reformen und wirtschaftlicher Öffnung zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen.

          In Indien gibt es zwar gerade in ländlichen Regionen noch viel Armut, aber auch auf dem Subkontinent geht es dem Großteil der Menschen heute besser als vor 25 Jahren. In Südasien litt 1990 noch mehr als jeder Zweite unter großer Armut, heute ist es laut den Vereinten Nationen nicht einmal mehr jeder Fünfte. In den Karibikstaaten und Lateinamerika ist die absolute Armut sogar fast vollständig verschwunden.

          Das alles heißt nicht, dass das Armutsproblem gelöst ist. Noch immer verhungern Menschen, es sterben viele Neugeborene, zudem sind mehr Menschen auf der Flucht als jemals zuvor, was viele neue Probleme schafft. Aber das Problem an sich ist geschrumpft. Selbst in der bitterarmen Subsahara-Region gibt es Fortschritte.

          Auch Zahl der unterernährten Menschen rückläufig

          Dort sind sie allerdings kleiner: Die Armutsquote fiel in den vergangenen 25 Jahren von 57 Prozent auf 41 Prozent. In den Jahren 1990 bis 2002 herrschte dort völliger Stillstand im Kampf gegen die Armut, berichten die Vereinten Nationen, seitdem geht es dort langsam voran.

          Diese Zahlen sind nicht das Ergebnis irgendwelcher Tricks und Kniffe findiger Statistiker, sie betreffen das Leben und den Alltag von Millionen Menschen ganz konkret. Es ist nämlich nicht nur die relativ schwierig zu bestimmende Armut gesunken. Auch die Zahl der unterernährten Menschen ist rückläufig:

          In den weniger entwickelten Ländern sank der Anteil der Menschen, die nicht jeden Tag genug zum Essen haben, im vergangenen Vierteljahrhundert von 23 auf 13 Prozent. Auch hier waren die Fortschritte in China am größten. Inzwischen haben sich die Vereinten Nationen neue Ziele gegeben. „Wir sind entschlossen, von heute bis 2030 Armut und Hunger überall auf der Welt zu beenden“, heißt es in der „Agenda 2030“. Klingt utopisch, oder? 

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