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Notlage in Venezuela : 1,3 Millionen Prozent Inflation

  • -Aktualisiert am

Zahlreiche Menschen stehen Schlange auf einem Markt in der venezolanischen Hauptstadt Caracas, auf dem Zutaten für ein typisches weihnachtliches Gericht zu günstigeren Preisen verkauft werden. Bild: dpa

Bald könnten mehr Menschen aus Venezuela geflohen sein als aus dem Bürgerkriegsland Syrien. Kritiker werfen dem sozialistischen Regime die systematische Zerstörung des Landes vor.

          Venezuela war einmal das reichste Land Südamerikas – inzwischen ist es zum Armenhaus der Region geworden. Besserung ist nicht in Sicht: Venezuela geht ins sechste Jahr einer bedrückenden Wirtschaftskrise. Das Erdölland, das über die höchsten Ölreserven der Welt verfügt, exportiert immer weniger Öl und stattdessen immer mehr Menschen. Tag für Tag verlassen 5000 Venezolaner ihr Land, schätzt das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen. Sie fliehen vor dem Hunger, vor Krankheiten, für deren Behandlung keine Medikamente zu bekommen sind, und vor der Gewalt im Land: Venezuela hat auch die höchste Mordrate der Welt.

          Mehr als drei Millionen Menschen sind seit 2015 aus Venezuela geflohen, schätzen die Vereinten Nationen, 2019 werde die Zahl auf fünf Millionen steigen. Bald könnten es sogar acht bis zehn Millionen sein, vermuten Ökonomen der Brookings Institution. Damit würde Venezuela Syrien als bisher weltgrößtes Flüchtlingsland (6,3 Millionen Menschen) übertreffen. Die Menschen müssten fliehen, weil sie mit dem, was Venezuela noch an Einnahmen erzielt, schlicht nicht mehr ernährt werden können, argumentieren die Ökonomen.

          José ist einer von ihnen. Vor drei Monaten kam der 43-jährige Venezolaner nach Argentinien, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Seine Frau und die beiden Kinder sollen bald nachkommen. José und seine Frau Mary hatten beide gute Arbeitsplätze. Er selbst war bei einer Bank angestellt. Mary, deren Namen wir aus Sicherheitsgründen geändert haben, arbeitet noch immer als IT-Fachkraft in einem Ministerium. Trotzdem hatten die Doppelverdiener nicht einmal genug Essen auf dem Tisch. Die von den sozialistischen Lokalkomitees verteilten Nahrungsmittelrationen seien nur alle paar Monate angekommen, sagt José. „Die gesamten Wochenenden verbrachten wir damit, irgendwo Schlange zu stehen, um irgendetwas kaufen zu können.“ Als Mary krank wurde, konnte José die nötigen Medikamente nicht auftreiben. „Da fiel die Entscheidung: So geht es nicht weiter.“

          In Argentinien verdingt sich José vorerst als Fahrer bei Uber. Doch seine Chancen auf eine bessere Arbeit sind nicht schlecht. Bei vielen Arbeitgebern werden die Venezolaner in Argentinien dankbar aufgenommen. Ihre Qualifikation und die gute Arbeitsmoral wird geschätzt. „Nach den trostlosen Erfahrungen in ihrer Heimat wissen sie die Chancen hier bei uns besonders zu schätzen“, sagt Manfredo Arheit, Chef des Werkzeugbauers Herramar.

          Rund 130.000 Venezolaner sind bisher nach Argentinien gelangt. Wer es in das weit entfernte Land schafft, gehört in der Regel nicht zu den ärmsten Venezolanern. Die vor dem Hunger fliehenden Massen laufen vor allem in Venezuelas Nachbarland Kolumbien auf. Viele ziehen von dort weiter nach Peru, Ecuador und Chile. Zuletzt ist auch der Norden Brasiliens zu einem Brennpunkt der venezolanischen Flüchtlingskrise geworden. Die humanitäre Krise Venezuelas werde zu dem mit Abstand größten Problem der gesamten Region, warnt Andrés Oppenheimer, Kolumnist spanischsprachiger Medien in den Vereinigten Staaten.

          Zerstörung der Wirtschaft als staatliche Methode

          Obwohl José vor der schlechten wirtschaftlichen Lage im Land geflohen ist, ist er kein Gegner des sozialistischen Regimes in Venezuela. Unter dem 2013 verstorbenen Revolutionsführer Hugo Chávez sei noch alles gut gewesen, sagt er. Doch der heutige Staatschef Nicolás Maduro habe „keine Kontrolle mehr“ über das Land. Gegen die Spekulanten und gegen die Wirtschaftssanktionen der Vereinigten Staaten komme er nicht an. Damit folgt José der Argumentation Maduros, der den „Wirtschaftskrieg“ Amerikas und der venezolanischen Unternehmer für das Elend im Land verantwortlich macht.

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