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Gastbeitrag : Besser als das Arbeitslosengeld

  • -Aktualisiert am

Also Verliererkompensation durch Arbeitsplätze anstatt mit Geld. Vorgeschlagen wird, dafür Programme wie den Europäischen Globalisierungsfonds aufzupäppeln, der sich um handelsbedingte Arbeitsmarktprobleme kümmert und darin seinem Amerikanischen Pendant, der „Trade Adjustment Assistance“, ähnelt. Diese will der amerikanische Präsident Donald Trump ironischerweise gerade kürzen. Da kaum einzusehen ist, warum Globalisierungsverlierer einen Sonderstatus haben sollten, sprechen sich IWF, WTO und Weltbank zudem für eine generelle Ausweitung der aktiven Arbeitsmarktpolitik aus.

Folgen der Maßnahmen sind nicht vorhersehbar

Der Fokus auf Umschulung und berufliche Weiterqualifikation ist folgerichtig. Viele Schwierigkeiten entstehen durch den individuellen Umgang mit Strukturwandel. Hier kann die Rolle der Bildung nicht stark genug betont werden. Chancengleichheit beim Zugang und eine breit angelegte Ausbildung, die spätere berufliche Mobilität fördert, sind langfristig die beste Versicherung gegen Arbeitsmarktrisiken.

Ehemalige Facharbeiter landen selten in der alten Branche. Man trifft sie eher hinter der Supermarktkasse wieder.

Aber ob Arbeitsmarktpolitik alleine in der Lage sein wird, die Verlierer zu kompensieren, bleibt trotzdem abzuwarten. Nicht alles, was in der Vergangenheit in diesem Feld betrieben wurde, hat sich im Nachhinein als sonderlich effektiv erwiesen. Außerdem stellt sich eine besondere Herausforderung: die großen regionalen Unterschiede. Die Globalisierungsverlierer sind nicht gleichmäßig in Deutschland verteilt. Im Ruhrgebiet, in der Pfalz und in Oberfranken – dort wo die importkonkurrierende Industrie stark vertreten war – gibt es besonders viele von ihnen. Auch Digitalisierung und Automatisierung treffen einige Regionen viel härter als andere. Diese Schocks können eine schwere lokale Rezession hervorrufen und viele Arbeitnehmer gleichzeitig treffen. Qualifikationsmaßnahmen stoßen dann schnell an ihre Grenze, weil es im lokalen Markt schlichtweg zu wenige adäquate Arbeitsplätze für zu viele Interessenten gibt.

Nun kann man einem Schneider aus Pirmasens, der gerade seine Arbeit verloren hat, natürlich einen Umzug nahelegen, dorthin, wo die örtlichen Bedingungen besser sind. Bei jungen Menschen mit guter Ausbildung ist regionale Migration schließlich auch üblich. Aber so ein Vorschlag geht an der Lebenswirklichkeit vieler Menschen ziemlich vorbei. Schon berufliche Mobilität ist schwierig. Auch die beste Umschulungsmaßnahme macht aus einem Stahlkocher nicht über Nacht einen guten Webdesigner. Aber unsere Daten zeigen deutlich, dass regionale Mobilität aus vielerlei Gründen unter den Problemgruppen am Arbeitsmarkt noch viel schwächer ausgeprägt ist.

Fehlender Baustein: Regionalpolitik

Es spricht viel dafür, die Verlierer nicht bloß durch Geld, sondern auch durch neue Arbeitsplatzperspektiven zu kompensieren. Aber die Lösungen müssen vor Ort gefunden werden. Dafür reicht aktive Arbeitsmarktpolitik alleine nicht aus. Ein weiterer Baustein muss hinzukommen: die Regionalpolitik.

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