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Gastbeitrag : Besser als das Arbeitslosengeld

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Hilfe für die Mitte

Außenhandel, offshoring, Roboter – diese Prozesse haben also einiges gemeinsam: Die Produktivität steigt, die Konsumenten und etliche Beschäftigten profitieren. Aber gerade in der Mitte des Lohnspektrums herrscht trotzdem nicht bloß eitel Sonnenschein.

Wie können abgehängte Regionen wieder den Anschluss finden? Jens Südekum ist Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre und hat Antworten.

Manch einer mochte über diese unangenehme Wahrheit lange Zeit nicht so gerne reden. Der Internationale Währungsfonds (IWF) oder die Welthandelsorganisation (WTO) etwa hätten noch vor wenigen Jahren kaum öffentlich zugegeben, dass Globalisierung auch Verlierer erzeugt. Vor kurzem haben sie genau das in einem gemeinsamen Dossier mit der Weltbank getan. Das ist ein wichtiger Schritt vorwärts. Denn das Leugnen von theoretisch fundierten und empirisch belegten Verteilungseffekten hilft nicht weiter. Letztlich delegitimiert es bloß die normative Grundlage von Freihandelspolitik.

Umverteilung ist notwendig

Aber wie kann die Wirtschaftspolitik helfen? Das volkswirtschaftliche Lehrbuch sieht eine Therapie mit bestechend einfacher Logik vor: mit Geld. Der Kuchen wächst ja, wie dargestellt, insgesamt an. Also kann man den Gewinnern, deren Portionen viel größer werden, einen Teil wieder entziehen und damit die Verlierer entschädigen. In der Realität werden zwar keine Kuchenstückchen hin und hergeschoben, aber konkret könnte diese Kompensationspolitik über ein progressives Einkommensteuersystem mit gleichzeitigen Transferzahlungen gestaltet werden.

So eine Umverteilungsmaschinerie läuft ohnehin permanent im Hintergrund mit, unabhängig vom Strukturwandel. Und sie tut das in Deutschland auch mit höherer Schlagzahl als anderswo. Ein Anstieg in der Ungleichheit der Bruttoeinkommen wird so, quasi vollautomatisch, bei den verfügbaren Nettoeinkommen wieder abgedämpft. Genügt das nicht zur Kompensation? Oder anders gefragt: Wenn das derzeitige Niveau als unzureichend empfunden wird, bestünde die konsequente Antwort nicht in einem Anstieg des Progressionsgrades?

Es ist zweifelhaft, ob das der richtige Weg wäre. Umverteilung über das Steuersystem lässt sich nicht beliebig steigern. Außerdem ist grundsätzlich fraglich, ob die Verlierer der Globalisierung und des technologischen Wandels überhaupt staatliche Transferzahlungen als Entschädigung wollen. Es handelt sich bei ihnen um Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die beruflich voll im Saft standen und die ihren Arbeitsplatz durch chinesische Importe oder demnächst vielleicht durch Roboter verloren haben. Wollen sie einen Scheck aus Berlin? Der kann sich schnell wie ein staatliches Almosen anfühlen. Vielen wäre vermutlich eine Unterstützung für neue berufliche Perspektiven lieber.

Wunderwaffe Arbeitsmarktpolitik?

Im Dossier der internationalen Organisationen findet sich daher auch keine Forderung nach mehr klassischer Einkommensumverteilung. Vielmehr kreisen die dortigen Vorschläge um ein anderes Grundmotiv. Beschäftigte, die besonders von Importdruck, Maschinen oder Produktionsverlagerung betroffen sind, sollen durch Umschulung schnell für neue Berufe in zukunftsträchtigeren Wirtschaftsbereichen fit gemacht werden. Einen Abstieg in die Langzeitarbeitslosigkeit will man auf diese Weise verhindern. Während der Such- und Trainingsphase werden zudem gezielte Zuschläge bei der Arbeitslosenversicherung zur besseren Absicherung angemahnt.

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