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Corona-Pandemie : Was uns zusammenhält

Potsdam: Einige Passanten mit Mundschutz gehen auf der gut besuchten Einkaufsmeile Brandenburger Straße entlang. Bild: ZB

Wie steht es in der Corona-Krise um den Kitt der Gesellschaft? Darüber muss geredet werden – im Denkraum für Soziale Marktwirtschaft.

          3 Min.

          Menschen gehen für ihre älteren Nachbarn einkaufen, Pflegekräfte bekommen Applaus, und Menschen spenden, damit gemeinnützige Unternehmen am Leben bleiben. Die Corona-Krise weckt in den Menschen offenbar nicht nur Ängste, sondern auch den Wunsch, anderen zur Seite zu stehen.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Bestimmten vor wenigen Monaten der Hass in sozialen Netzwerken und extremistische Gewalttaten die Schlagzeilen, häufen sich derzeit die Schilderungen von Rücksichtnahme und Solidarität. Ist es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland womöglich besser bestellt als gedacht? Und was muss getan werden, damit die Stimmung nicht kippt und die Menschen weiter an einem Strang ziehen?

          Über diese Fragen diskutieren am Dienstag Postchef Frank Appel, der frühere Fußball-Nationalspieler Gerald Asamoah, der sich heute für herzkranke Kinder engagiert, und weitere Fachleute beim „Denkraum für Soziale Marktwirtschaft“ (ab 18.30 im Livestream auf faz.net). Gespräche im Vorfeld der F.A.Z.-Veranstaltung, die gemeinsam mit der Deutschen Post, dem IFOK-Institut und weiteren Unternehmen veranstaltet wird, zeigen ein differenziertes Bild: Es läuft gerade verhältnismäßig gut in Deutschland. Mit unserem Sozialsystem sind wir besser gerüstet als andere um zu verhindern, dass viele Menschen in der Krise abgehängt werden. Es gibt aber auch Verlierer, vor allem Mütter, für die nach Ansicht von Fachleuten zu wenig getan wird.

          Appel: „Die Alternative wären Entlassungen“

          Postchef Frank Appel lobte im F.A.Z.-Podcast die Widerstandsfähigkeit der Sozialen Marktwirtschaft, insbesondere die Arbeitslosenversicherung und das daraus finanzierte Kurarbeitergeld. „Das ist ein intelligentes System einer Sozialversicherung, die Menschen in Arbeit hält, die Alternative wären Entlassungen“, so Appel. Die Leistung, die von Unternehmen und Arbeitnehmern gemeinsam finanziert wird, werde letztlich dazu führen, dass Deutschland schneller als andere Länder wieder „hochfahren“ könne, die wirtschaftliche Not also möglichst gering gehalten wird. Auch mit seinem Gesundheitssystem stehe Deutschland gut da. Nach Einschätzung Appels vor allem, weil es sich um kein rein staatliches System handelt, sondern „um eine gute Kombination von privaten und gesetzlichen Krankenkassen“. Das funktionierende Sozialsystem ist demnach eine Grundlage dafür, dass Menschen nicht in akute Not geraten und überhaupt in der Lage sind, andere zu unterstützen.

          Aber was ist es überhaupt, das uns zusammenhält? Die Soziologin Jutta Allmendinger unterscheidet zwischen dem kleinen „Wir“ und dem großen „Wir“. Das kleine „Wir“, das seien die Familie und der Freundeskreis. „Das funktioniert in Deutschland. Die meisten Leute haben Freunde und Familie“, sagte die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin. Die entscheidende Frage sei, wie die Gesellschaft von diese vielen kleinen „Wirs“ zu einem großen Wir werde könne. „Da stellen wir fest, dass es stark darauf ankommt, dass man starke Netzwerke hat zu anderen Leuten, in Vereinen zum Beispiel, und Vertrauen hat zu anderen Menschen“, so Allmendinger. Viele dieser Knotenpunkten seien in der Vergangenheit beschnitten worden, zum Beispiel durch die geringere Bindung an Volksparteien und Religionen. Die Corona-Krise verstärke diese Tendenz nun, unter anderem, weil im Lockdown kaum noch neue Bekanntschaften geknüpft würden.

          Wer die besonders Leidtragenden in der Corona-Krise sind, erforscht das Wissenschaftszentrum Berlin derzeit mit einer Online-Befragung. Zwei Gruppen seien in ihrer Zufriedenheit „extrem abgesackt“, sagt die Soziologin: „Eltern mit kleinen Kindern, und wenn man da nochmal nach Männern und Frauen unterscheidet, sind es insbesondere die Frauen.“ Die Frauen seien nicht nur mit ihrer beruflichen, sondern auch mit ihrer familiären Situation deutlich unzufriedener als vor der Krise. Man sehe dort einen „rasanten Absturz“. Die zweite Gruppe, die besonders betroffen ist, seien die kleinen Selbständigen, die in ihrer wirtschaftlichen Existenz besonders bedroht seien.

          Um gegenzusteuern müssten die Probleme der Familien besser gehört werden, wenn über Schul- und Kita-Schließungen entschieden werde. Fehler sieht Allmendinger vor allem in der Kommunikation: Wenn Schulen zum Beispiel geschlossen bleiben müssen, dann müsse zugleich gesagt werden, wie den Familien geholfen wird, sei es durch eine bessere Ausstattung für digitalen Unterricht, Ansprechpartner von außen oder Öffnungen von Spielplätzen.

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