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Nachteile für Migranten : Viele Türken in Deutschland sind arm

Arm, aber zufrieden? Türkische Migranten in Deutschland Bild: Reuters

Weniger Einkommen, weniger Wohnraum, weniger Bildung: Die Lebensverhältnisse vieler Migranten sind schwierig – auffällig stark gilt das für Bürger türkischer Herkunft.

          Etwa ein Sechstel der in Deutschland lebenden Menschen gilt als armutsgefährdet, weil ihr Einkommen weniger als 60 Prozent des gesellschaftlichen Mittelwerts beträgt. Nach Messung des Statistischen Bundesamts beträgt die Armutsrisikoquote derzeit im Durchschnitt 15,4 Prozent. Sozialverbände und Gewerkschaften sehen darin einen sozialpolitischen Skandal. Eher selten ist indes die Rede davon, wie sich die Zahl zusammensetzt – allenfalls wird ein Seitenblick auf die Gruppe armutsgefährdeter Senioren geworfen, deren Anteil derzeit 14,4 Prozent beträgt.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Beim näheren Blick zeigt sich, dass die Kluft zwischen Arm und Reich nicht nur ein Gegensatz zwischen unten und oben ist, sondern auch einer zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Besonders groß ist der Unterschied zwischen Menschen mit türkischen Wurzeln und der übrigen Bevölkerung. Das zeigt ein Datenreport, den das Wissenschaftszentrum Berlin zusammen mit dem Statistischen Bundesamt veröffentlicht hat. Was als soziale Spaltung der Gesellschaft diskutiert wird, ist demnach auch das Problem einer misslungenen Integration.

          1242 Euro im Monat

          Schon für die Gesamtgruppe der Migranten und ihrer Nachkommen, zusammen 16,4 Millionen Menschen, weist der Report eine beachtliche Armutsrisikoquote von 24 Prozent der Erwachsenen aus. Unter den 2,9 Millionen Einwohnern mit türkischen Wurzeln ist der Anteil aber noch deutlich höher: 36 Prozent. Umgekehrt verhält es sich mit dem Anteil derer, die ein Einkommen über dem gesellschaftlichen Mittelwert haben. Das schaffen nur 26 Prozent der Türken. In der Gesamtgruppe der Migranten sind es 41 und unter den Bürgern mit deutschen Wurzeln 53 Prozent.

          In Geld heißt das: Der durchschnittliche deutsche Haushalt hat netto 1730 Euro im Monat, der entsprechende Migrantenhaushalt 1482 Euro und der türkische Durchschnittshaushalt nur 1242 Euro. Quelle der Zahlen ist das Sozioökonomische Panel (SOEP), ein Fundus an Befragungsdaten für die Wissenschaft. Seine Ergebnisse sind detailreicher als die amtliche Statistik, die nicht nach einzelnen Nationalitäten unterscheidet. In der Tendenz stimmen sie aber überein. Die amtlichen Tabellen weisen für die Gesamtheit der Migranten eine Armutsrisikoquote von 27 Prozent aus.

          Die unterschiedlichen Wohlstandsverhältnisse spiegeln sich in vielerlei Lebensverhältnissen, wie der Report zeigt. Auch in der Wohnsituation: Während ein deutscher Durchschnittshaushalt aus 1,9 Personen besteht und auf 59 Quadratmetern pro Kopf lebt, bestehen türkische Haushalte im Durchschnitt aus 3,2 Personen mit einer Wohnfläche von 32 Quadratmetern pro Kopf. Die ermittelten monatlichen Mietausgaben türkischer Haushalte sind indes mit 530 Euro im Monat höher als der Durchschnitt.

          Zum Teil hat das mit unterschiedlichen Altersstrukturen zu tun: Migranten sind im Durchschnitt jünger als die übrige Bevölkerung, und sie haben im Verhältnis mehr Kinder, was Haushalts- und Wohnungsgröße beeinflusst. Der Report sieht aber noch andere Erklärungen: Dass viele Migranten in großen Städten leben, trage zu einem „erschwerten Zugang zu bezahlbarem und geeignetem Wohnraum“ bei. Auch sei „wahrscheinlich, dass Diskriminierungen auf dem Wohnungsmarkt eine Rolle spielen“.

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