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Nachteile für Migranten : Viele Türken in Deutschland sind arm

51 Prozent haben keinen Berufsabschluss

Eine Erklärung für karge Lebensverhältnisse vieler Türken liefert indes auch das Bildungsniveau – und zwar nicht nur das der ersten Einwanderergeneration, die einst als Gastarbeiter kamen, sondern auch ihrer hier geborenen Nachkommen. Unter den heute 17- bis 45-Jährigen mit türkischen Wurzeln haben 40 Prozent höchstens die Hauptschule abgeschlossen; 51 Prozent haben nach der Schulzeit keinen Berufsabschluss erreicht. Zum Vergleich: Von den Migranten aus den anderen Gastarbeiterländern, also Südeuropa und dem früheren Jugoslawien, haben 35 Prozent keinen Berufsabschluss; unter den deutschen Vergleichspersonen sind das weniger als 20 Prozent.

Als Gründe für das Gefälle sieht der Report „institutionelle Diskriminierung“ sowie „soziale und ethnische Segregation“, eine wissenschaftliche Bezeichnung für das Entstehen von Parallelgesellschaften. Folgen dieses Gefälles zeigen sich auf dem Arbeitsmarkt: Nur 17 Prozent der Frauen und 56 Prozent der Männer türkischer Herkunft arbeiten Vollzeit, zugleich sind viele als Hilfsarbeiter tätig. Im Durchschnitt aller Migranten arbeiten 27 Prozent der Frauen und 67 Prozent der Männer Vollzeit; unter den übrigen Bürgern sind es 37 Prozent der Frauen und 70 Prozent der Männer. Zwar schaffen es nur ganz wenige Türken in leitende Angestelltenpositionen, für die meist eine akademische Bildung gefordert ist. Zugleich aber arbeiten mit einem Anteil von 14 Prozent überproportional viele als Facharbeiter oder Meister.

Solche Erfolgsgeschichten können das Gefälle aber nur mildern und nicht verhindern, dass sich dieses in vielen Fällen mit einer eher schwachen Identifikation mit Deutschland verbindet. Unter allen 16,4 Millionen Personen mit Migrationshintergrund äußerten 80 Prozent den Wunsch, für immer in Deutschland zu bleiben. Unter den Befragten türkischer Herkunft waren es dagegen nur zwei Drittel – und dies gleichermaßen unter der Einwanderergeneration wie auch unter den hier geborenen Nachkommen.

Lebenssorgen gehen mit Gesundheitsrisiken einher

„Die schwierige soziale Situation dieser Gruppe und die stärker verbreitete Erfahrung von Benachteiligung können dieses Ergebnis erklären“, schreiben die Forscher und liefern einen weiteren Beleg. Während im Durchschnitt 8 Prozent der Migranten angeben, sie nähmen im Alltag oft Benachteiligungen wegen ihrer Herkunft wahr, ist der Anteil unter jenen türkischer Herkunft mit 18 Prozent mehr als doppelt so hoch. In der Generation der Nachkommen ist diese Kluft sogar noch etwas größer.

Die Lebenssorgen gehen offenbar auch mit erhöhten Gesundheitsrisiken einher. Den Befragungen zufolge leiden Bürger mit türkischen Wurzeln vor allem in der zweiten Lebenshälfte weit häufiger unter Schmerzen als der Durchschnitt der Bevölkerung. Zudem zeigt die amtliche Statistik, die nicht nach Nationalitäten aufschlüsselt, dass Migranten in der zweiten Lebenshälfte überdurchschnittlich oft verletzt oder krank sind. Für jüngere Migranten gilt das Gegenteil. Ein erhöhtes Krankheitsrisiko in der zweiten Lebenshälfte gibt es freilich auch unabhängig von der Herkunft bei Menschen mit geringer Bildung und in Arbeiterberufen.

Würde die Integration indes im Gegensatz zu alldem sehr erfolgreich gelingen, hätte das neben den Vorteilen für Betroffene auch günstige Auswirkungen auf die vielbeachtete Armutsrisikoquote: Würden allein die 2,9 Millionen türkischstämmigen Einwohner ähnliche Lebensverhältnisse erreichen wie der Durchschnitt der übrigen 78 Millionen Einwohner, dann verringerte sich schon dadurch die allgemeine Quote um etwa einen dreiviertel Prozentpunkt. Das entspräche einem Rückgang der statistisch gemessenen Armut auf das Niveau des Jahres 2005.

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